ALBERT KOBER
Baton Rouge. La. April 11.1939.
2039 North Street
Liebe Familie Speier!
Ich bestaetige Ihnen heute Ihre beiden freundlichen Briefe
v.Febr.26.und April 2. Die Beantwortung hat sich unliebsam
verzoegert, da die verschiedensten Ereignisse keine Stimmung
aufkommen ließen, um Briefe von Bekannten so zu beantworten,
wie man es gerne moechte. Die Station ist nun am 11.3.eroeffnet worden. Der Umbau hat, wie jeder Bau, viel Aerger und Verdruß mit sich gebracht, so dass mir die Lust zum Bau eines
Privathauses gruendlich vergangen ist. Wir haben in der
Zwischenzeit auch ein geeigneteres Haus finden koennen, in denen wir Raeume haben, die uns zufrieden stellen. Jedenfalls
konnten wir unsern Lift ganz auspacken und alle Einrichtungsstuecke unterbringen. Die Zollangelegenheit ist noch nicht geregelt. Der Beamte ist sehr anstaendig und will uns weitgehenst schonen, bedarf aber dazu Unterlagen, die sehr schwer
zu beschaffen sind. U.A, will er eine Frachtrechnung haben
in welcher auseinander gehalten ist, wie hoch sich die Fracht
von Halberstadt nach Hamburg, dann von dort nach Antwerpen,
und dann von dort nach New-York,resp. New.Orleans Oder B.R.
stellt. Meine Speditionsfirma giebt mir auf bisher vier an
sie gerichtete Briefe gar keine Antwort. Dann will der Beamte
den Versichrungsschein. Wie ich den beschaffen soll ist mir
vorerst noch ein Raetsel. Ich habe in Berlin versichert und
die Pramie in New York in Devisen an eine beauftragte Firma
gezahlt. Diese Firma W.Heimann teilt mir auf verschiedene
Anfragen mit, dass der Vertreter in Berlin Pole ist und s.Z.
nach Polen abgeschoben wurde, sein Berliner Konto ist versiegelt und wer weis wie lange es dauern kann, bis ich diese
Unterlagen in Haenden habe. Auch den angemeldeten Bruchschaden kann ich vorerst nicht geltend machen. Die Firma der
Versicherungsgesellschaft ist der Firma Heimann auch unbekannt.
Meine Station selbst ist an und fuer sich sehr groß und schoen
fuehrt sich auch ein, nur fehlt der richtige Betrieb, an dem
man in Europa jahrelang gewohnt war. Es ist immerhin nicht
leicht, gerade in einer Stadt, in der Esso mit den Standard
Werken sein Domizil hat, aufzukommen. Ich habe aber die feste
Zuversicht, dass es schon klappen wird. Mein Spesenapparat
ist fur den anfang zu groß, ich habe alles Personal vom Vorganger uebernommen, und fange jetzt an, abzubauen.
Dadurch werde ich Mittel freibekommen, mehr Reklame zu machen.
Trotzalledem schaetzen wir uns gluecklich und zufrieden, hier in
diesem Lande leben zu können. Unsere Station liegt an der Haupt
verkehrsstrasse von Norden nach dem Sueden, wir haben dadurch
sehr viel Fremdenpublikum. Vor ca 14 Tagen kam ein Wagen aus
Lincoln, Dieter hatte natuerlich besonderes Interesse und frug die
Leute aus. Es stellte sich heraus, dass sie Ihre Verwandten gut
kennen. Dieter gab ihnen eine Karte fuer Sie mit, nebst einem kl.
Praesent, welches wir unsern Kunden gelegentlich der Stationser
oeffnung gaben. Ich schrieb Ihnen s.Z. dass wir uns neben dem
Truck auch einen Personenwagen angeschnafft haben, nun dieser
Traum ist aus. Dieter fuhr vor ca drei Wochen mit seiner Mutter
an den Golf von Mexiko. Sie machten einen Tagesausflug. Auf der
Rueckreise, ganz kurz vor Baton Rouge, fuhr vor Ihm ein hinten nicht
beleuchtetes Auto. Er fuhr mit 65 Meilen Geschwindigkeit, was
an und für sich ein Irrsinn ist, doppelt, da der Wagen sehr leicht
gebaut ist. Einige Meter vor diesem besagten Wagen wollte er
scharf links ueberholen, das Unglueck wollte es, dass gerade in noch
schnelleren Tempo ein anderer Wagen entgegen kommt. Und nun ist
Dieters Wagen zwischen diesen beiden Fahrzeugen auf der
engen Landstrasse eingeklemmt. Durch diesen Umstand war der Ab
prall nicht vorne sondern an beiden Seiten, wodurch beide In
sassen keine großen Verletzungen bekommen haben. Starke Haut
abschuerfungen, einige geplatzte Blutaederchen, und Flecken an fast
allen Koerperteilen, die sich nach und nach in allen Farbenskalen
verwandeln. Meine Frau hat einige Zeit gelegen, ist aber jetzt
wieder soweit, dass sie bald wieder obenauf ist. Der Wagen ist
natürlich voellig demoliert, und wenn man diese Ruine sieht, ist
es kaum zu glauben, dass so wenig passiert ist. Die Versicherung
hat dem Partner, dem gluecklicherweise auch nicht ernstliches
passiert ist, reichlich abgefunden. Die Entschädigung für unsern
Wagen wird nicht groß, da bereits 2000 Meilen abgefahren sind.
Der ganze Spaß des Autobesitzes für sechs Wochen wird mich aber
immerhin 350 Dollar kosten. Sie werden begreifen, was für uns
Emigranten eine solche Summe bedeutet.
Nach dieser Affaere hatte ich noch Unzutraeglichkeiten verwand
tschaftlicher Art. Mein Bruder der auf Besuchvisum seit August
in New York ist, will nun über Cuba mit seiner Frau und Kind
einwandern. Hierzu habe ich auch 250 Dollar beisteuern müssen.
Alles unvorhergesehene Ereignisse, die das Leben gewiß nicht
froh machen. Aber immer bin ich noch zufrieden, dass ich hier
bin.
ALBERT KOBER
Blatt II.
Aus Halberstadt habe ich laengere Zeit nichts mehr gehoert. Frau
Paul Gottschalk soll in der Schweiz einen Autounfall gehabt haben
mit komplizierten Bruechen. Pesta schreibt verzweifelte Briefe,
aber wie kann man den Leuten helfen. Emil Meyer hat wohl auch Ab-
und Aussichten nach USA zu kommen. Mit den Affidavits allein ist
den Leuten wirklich nicht gedient, die Kalamitaet beginnt erst, wenn
die Leute im Lande sind und keine oder wenig Moeglichkeit haben
irgend etwas anzufangen. Gerade bei aelteren Leuten ist es weit
schwieriger, schon der Sprache wegen. In Großstaedten mag es noch
immer leichter sein, da doch viel deutsch gesprochen wird, aber in
der Provinz kann man nur mit ganz perfekten Kentnissen der Sparche
etwas beginnen. Wenn ich nicht meine beiden Jungens haette, waere
es auch schlimm um uns bestellt. Dies alles den Leuten drueben
plausiebel zu machen ist so ungeheuer schwer, sie glauben immer
noch an die gleichgiltigkeit. Dieter hat jetzt für Pesta Affidavits
abgeschickt, ich zweifle, ob sie irgend einen Wert haben werden.
Ich glaube ich bin heute wieder ausfuehrlich genug gewesen. Machen
Sie sich ueber die Zollrechnung keine Gedanken, sowie ich die Angelegenheit geregelt habe, gebe ich Ihnen Bescheid. Soviel ich
heraushoeren konnte, kommt ueberhaupt nur ein Zoll fuer die Handschuhe in Frage. Die uebrigen Sachen sind gar nicht gesichtet, auch
nicht genannt worden, auch die Handschuhe waren nicht aufgefuehrt,
aber vom Zollbeamten gefunden worden.
Von den Osterfeiertagen haben wir nicht viel gemerkt, da gerade
an diesem Tage etwas mehr im Geschaeft zu tun ist. Hier wird im
Uebrigen kein Karfreitag und kein Ostermontag gefeiert. Auch die
Juden begehn wie in Palaestina, im Gegensatze zu Europa, hier nur
je einen Oster (Peßach) Festtag. In Deutschland hatte man wohl
gar keine Gelegenheit oeffentliche Gottesdienste abzuhalten. Fuer
die Orthodoxie ist es doch furchtbar, dass sie drueben bei der an
und fuer sich sehr beschraenkten Ernaehrung, keine Mazzoth hatten.
Aber gerade diese Menschen tragen ihr Geschick mit ganz besonderer und bewunderungswuerdiger Gelassenheit und Wuerde. Manchmal kann
man sie beneiden. Schreiben Sie wieder mal, wenn Sie Zeit und
Lust haben, wir hoeren stets recht gern von Ihnen.
Von uns allen an all Ihre Familienmitglieder herzliche Grüße
IhrAlbert Kober
German | English (translation)
ALBERT KOBER
Baton Rouge. La. April 11.1939.
2039 North Street
Dear Speier family!
I hereby confirm to you today, I have recieved your two kind letters
dated Feb. 26 and April 2. Because of an array of events, I was not
in the mood to reply to your letters, the way I normally would like to.
Unfortunately my reply has therefore been delayed.
The station was opened on March 11.
The renovation has, like any construction, brought much
trouble and annoyance, so that my desire to build
a private house has vanished.
In the meantime, we have been able to find a more suitable house.
We now have rooms that we are happy with.
We were able to unpack our lift and accommodate
all the furniture. The customs matter has not yet been settled.
The official is very proper and wishes to spare us as much trouble as possible,
but requires documents that are very difficult to obtain.
Among others, he wants a freight invoice showing separately,
how high the freight charges are from Halberstadt to Hamburg,
then from there to Antwerp, and then from there to New York
or New Orleans or B.R..
My shipping company has so far given me no answer to the
four letters I sent them. The official also wants
the insurance policy. How I should obtain that, is
still a mystery to me for now. I insured everything in Berlin
and paid the premium in New York in foreign currency to a commissioned company.
This company, W. Heimann, informed me in various inquiries
that their representative in Berlin is Polish and has
been deported to Poland. His Berlin account is sealed,
and who knows how long it may take before I have these documents in hand.
Also, for the time being, I can not claim the reported breakage damage.
The insurance company is also unknown to the Heimann firm.
My station itself is very large and beautiful.
It only lacks the proper operations to which one was accustomed to
in Europe over many years. It is by no means easy to establish oneself.
Especially in a city where Esso is based, with its standard operations.
Nevertheless, I have faith that it will succeed.
My business is too large for the beginning,
I have taken over all personnel from my predecessor
and I am now starting to reduce.
This will enable me to free up funds to do more advertising.
Despite everything, we consider ourselves happy and content
to be able to live here in this country. Our station is located on the main traffic route
from north to south, and because of that, we get a lot of out-of-town visitors.
About 14 days ago, a car from Lincoln came by
and of course Dieter was particularly interested and asked them some questions.
It turned out they know your relatives well.
Dieter gave the people a card for them, along with a small gift that
we gave our customers at the station’s opening.
I wrote to them that, in addition to the truck, we had also acquired a passenger car.
Well that dream is over. About three weeks ago, Dieter drove with his mother to the Gulf of Mexico.
It was a day trip. On the way back shortly before Baton Rouge,
there was a car in front of him, that had no lights on the back.
He was driving at 65 miles per hour, which is insane in itself,
especially since the car is very lightly built.
Just a few meters before reaching the said vehicle,
he attempted to overtake sharply to the left.
The misfortune was that at exactly that moment,
another car came toward him at an even higher speed.
And like that, Dieter’s car was wedged between the two vehicles on the narrow country road.
Because of that, the impact wasn’t at the front, but on both sides,
which meant that neither of the occupants sustained major injuries.
Apart from skin abrasions, some burst blood vessels,
and bruises on almost all parts of the body, which are now slowly turning all sorts of colors.
My wife was bedridden for some time but is now doing well enough, that she’ll soon be back on her feet.
The car is of course completely wrecked, and when you see the remains,
it’s hard to believe that so little happened to them physically.
The insurance company gave the other party, who fortunately
was also not seriously hurt, a generous settlement.
The compensation for our car will not be large, since it had already been driven 2000 miles.
The whole pleasure of owning a car for six weeks will cost me about 350 Dollars.
You can imagine what such a sum means for us emigrants.
After that affair, I also had some unpleasantness of a family nature.
My brother, who has been in New York on a visitor visa since August,
now wants to immigrate with his wife and child via Cuba.
I had to contribute 250 Dollars for that as well.
All unforeseen events, that certainly don’t make life joyful.
But I am still content that I am here.
ALBERT KOBER
Page II.
I haven’t heard anything from Halberstadt in quite some time.
Mrs. Paul Gottschalk is said to have had a car accident in Switzerland,
with complicated fractures. Pesta writes desperate letters,
but how can one help these people? Emil Meyer apparently also has some
prospects of coming to the USA. But affidavits alone are truly of little help
to people. The real hardship begins when they arrive in the country
and have little to no opportunities at all to get started with anything.
Especially for older people, it's much more difficult,
also because of the language. In big cities, it may still be somewhat easier,
since there are more people that speak German. But in rural areas, you really need to perfect the
language to make any kind of start. If I didn’t have my two boys,
things would look bad for us as well. It’s incredibly hard to make
this reality understandable to the people over there,
they often mistakenly believe that we are indifferent.
Dieter has now sent affidavits for Pesta, but I doubt they will be of any use.
I think I’ve gone into enough detail again today.
Don’t worry about the customs bill, as soon as I’ve taken care of the matter,
I’ll let you know. From what I could gather, customs charges are only applicable for the gloves.
The other items haven’t even been examined or mentioned.
Even the gloves weren’t listed but were found by the customs officer.
We didn’t really notice the Easter holidays much, as we were especially busy at the business on that day.
Incidentally, Good Friday and Easter Monday are not being celebrated here.
Even the Jews, unlike in Europe, celebrate only one day of Passover here. Just as in Palestine.
In Germany, people probably had no opportunity at all, to hold public religious services.
For Orthodoxy, it is truly terrible that over there,
given their generally very limited diet,
they didn’t have any matzah. But it is precisely these people who bear their
fate with such special and admirable composure and dignity.
Sometimes, one can even envy them for that.
Write again sometime if you have the time and feel like it.
We always enjoy hearing from you.
Warm greetings from all of us to all members of your family.
YoursAlbert Kober