Letter from Max and Hilde Lehmann to the Speier Family, December 6, 1938

Date
December 6, 1938
Format
Category
Sender(s)
Lehmann, Max
Lehmann, Hilde Blumenthal
Sent from
Salt Lake City, Utah
Recipient(s)
Speier, Alfred
Speier, Käthe Blüth
Letter from Max and Hilde Lehmann to the Speier Family, December 6, 1938
  Salt Lake, 156 Sixth East
22/12. Manhattan   Edith
Liebe Speiers

Wie anders ist es als in normalen Zeiten, in denen man sich über jeden Brief von Freunden und Verwandten freute. Heute öffnet man nun mit Zittern und Zagen die Post, weiss man doch schon im voraus, dass die Neuigkeiten, die darin stehen, einem nur neuen Kummer u. Aufregungen erwarten. Bei so alten westamerikanischen Familien wie die Speiers und Lehmanns, die nach der Fülle der inzwischen eingetretenen Veränderungen u. Ereignissen schon mindestens 100 Jahre hier im Lande sind, liegt es natürlich anders. Haben wir uns doch G.l. soweit es sich um eignes Ergehen handelt, nicht zu beklagen u. es ist, von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, bedauerlich, dass man nicht öfters gegenseitig berichtet. Es liegt es bei euch wahrscheinlich genau so wie bei uns: Man ist so mit Europapost u. allem was damit zusammen hängt in Anspruch genommen, dass man keine Zeit hat, das zu tun was man lieber täte.

Der Bericht über das furchtbare Schicksal Eurer Verwandten hat uns sehr erschüttert. Man ist nicht mehr im Stande Worte der Empörung zu finden, für ein Geschehen, dass nichts seinesgleichen in der modernen Geschichte findet. Es ist ein Massenschicksal, dem wir rechtzeitig entkomen zu sein wir unserem Schöpfer nicht genug danken können.

Ich will nun einen kurzen Bericht über das Ergehen meiner Familie geben, wobei man leider die Einschränkung   machen muss, dass die Berichte nur sehr lückenhaft sind u. durch neue Ereignisse überholt sein können. Manfred wurde am 9. Novbr. ins K.Z. gebracht, wurde nach 10 Tagen wieder entlassen, nachdem er anscheinend nachweisen konnte, dass er mit Familie Anfang Januar nach U.S.A gehen wird u. zwischenzeitig Haus u. sonst. Besitz verschlendern will, um sein steuerl. Verpflichtungen u. der "Strafzahlung" nachzukommen. Ich erwarte Goldsteins Mitte Januar in N.Y., wo sie wahrscheinlich solange bleiben werden, bis Manfred seine Examen gemacht hat.

Erich u. Edith haben anscheinend von den bevorstehenden Verhaftungen rechtzeitig gehört, sind nach Hamburg ausgerissen u. waren nach 1 Woche wieder zurück, um den Lift zu verladen. Wenn nichts dazwischenkommt, fahren sie mit der "Manhatten" am 14. Dec. ab, um am 22. in N.Y. einzutreffen. Sie wollten dann evtl. mit einem Dampfer nach San Francisco weiterreisen, haben hierfür auch Billets genommen. Ich habe ihnen aber abgeraten u. empfohlen per Bahn nach dem Westen zu fahren. Ob sie hier oder hier in der Nähe bleiben, hängt von Erichs Absichten ab, die ich im ein einzelnen nicht kenne. Da er m. E. etwas Geld rettet, wird er sich vielleicht eine kurze Zeit umsehen u. in Ruhe was suchen können. Es besteht die Hoffnung, dass meine Mutter aufs Besuchsvisum mit ihnen kommt. Die Frage war bei Abgang des letzten vor 3 Tagen eingetroffenen Briefes noch nicht entschieden u. wir warten täglich u. sehnlichst auf drahtliche Bestätigung. Meine Mutter würde dann über Kuba oder Canada einwandern müssen, was sicherlich keine allzugrosse Schwierigkeit bereiten kann, wenn erst alle Kinder im Lande sind. Die Hauptsache ist u. bleibt, dass sie erst mal gesund hier ist. Das weitere wird   II sich dann finden.

Meine Schwiegermutter ist vor 8 Tagen in New York eingetroffen und wohnt mit meiner Schwägerin dort zusammen. Sie hat vor ihrer Abreise nur schreckliches erlebt. 8 SA Männer drangen in die Wohnung ihrer Freunde ein, bei denen sie die letzten Tage vor der Abreise verbrachte, demolierten die ganze Wohnung, liessen kein Stück heil u. nahmen den Hausherren mit, der ins K.Z. Weimar eingeliefert wurde. Das gleiche oder ein ähnliches Schicksal ist den meisten unserer Freunde wiederfahren. Der Vater u. der Bruder meines Freundes Landau[?], früher dt. Löwenthal, wurde abgeholt. Seine Mutter sitzt ganz allein in dem kleinen Ort, ohne jeden Bekannten, und weiss nicht, wo Mann u. Sohn sich befinden. Dabei ist sie schwer herzleidend.

Du Sadismus meint sich noch immer nicht ausgetobt zu haben, täglich hört man von weiteren Massnahmen. Lass sie es nur weitertreiben .. der Krug geht solange zum Wasser... . Der amerik. Öffentlichkeit reagiert ja sehr erfreulich, viel stärker als in allen anderen Ländern. Hoffentlich findet man bezgl. des Schicksal der noch in der Knechtschaft Schmachtenden bald eine Dauerlösung.

Ich hatte inzwischen 2 Anfragen wegen Affidavits für Kittlers[?], die ich mit sehr schwerem Herzen negativ beantworten musste. Die Bürde der Verpflichtungen, die ich schon auf mich genommen habe, drückt schon zu schwer.

Geschäftlich dürfte es besser gehen. In der Branche ist ein Preis-Zusammenbruch eingetreffen, wie es in der Geschichte der Konservenindustrie noch niemals da war. Ein grosser Teil der Produktion muss erheblich unter Herstellungskosten verkauft werden.

 

Die Situation hat mir viel Kopfschmerzen bereitet, aber unser Unternehmen ist jetzt über den Berg. Wir sind schon inmitten der Vorbereitungen für das neue Jahr u. wollen unseren neuen Zweig, das frozen food Geschäft, das für das 1. Jahr des Bestehens sehr efolgreich gearbeitet hat, durch Angliederung[deleted]Errichtung einer 2. Fabrik weiter ausbauen. Ich werde meinen Urlaub im Februar wahrscheinlich dazu benutzen müssen in die Schweiz zu reisen u. meinen dortigen Besitz, der mit nichts als Unkosten einbringt, mit Gewalt zu liquidieren. Ich hoffe nur immer, dass sich die Reise vermeiden lässt, denn aus den verschiedensten Gründen bleibe ich lieber hier. Ich fahre in diesem Falle wahrscheinlich gleich im Anschluss an unsere in diesem Jahre wieder in Chicago Ende Januar stattfindende Convention weiter. Ich freue mich so sehr, dass Falkensteins nun in Australien sind. Meine Mutter hat sie in fast jedem Brief erwähnt u. mir auch vor einiger Zeit von Else einen Brief übersandt. 3 Geschwister Speier in 3 verschiedenen, nicht europäischen Erdteilen, typisches jüdisches Schicksal unserer Zeit.

Ich wünschte, ich könnte dies mal auf der Fahrt nach Chicago in Lincoln wieder mal einen Zug überspringen um mit euch ein Plauderstündchen zu halten. Ich weiss aber nicht, ob es klappen wird. Ich habe ja meinen "Stab" bei mir: Als man infolge der oben geschilderten Schwierigkeiten auch meinem Gehalt abbauen musste, hat man das da durch wieder wettmachen wollen, in dem man mir neben dem Gen. Mgr. noch den "vice pres." verliehen hat, was mich an den alten Witz erinnerte: "Gehaltserhöhung können'se nicht kriegen, aber Prokura solln 'se haben." Na, wir wollen jedenfalls mit unverwüstlichem Optimismus ins neue Jahr gehen u. uns gegenseitig wünschen, dass 1939 uns vor Enttäuschungen bewahren soll u. die Erfüllung eines Teils unserer Hoffnungen für all unsere Lieben u. u. selbst bringen möge.

Herzlichst Max
Meine Lieben!

Max hat Euch so ausführlich geschrieben dass ich nur noch viele Grüsse beifügen möchte.

Wie stets herzlichst Eure Hilde.
German | English (translation)
Salt Lake, 156 Sixth East
22/12. Manhattan   Edith
Dear Speiers

How different it is now from ordinary times, when every letter from friends and relatives used to bring joy. These days, one opens the mail shaking with dread, already knowing that the news it contains will bring nothing but grief and distress. For families who have long been in the Western part of the U.S. such as the Speiers and the Lehmanns, who have long lived in this country witnessed a full range of changes and events during what seems like 100 years, it is different, of course. As far as our own well-being is concerned, we have nothing to complain about, thank God, and from this point of view it is regrettable that we do not exchange news more often. It's probably exactly the same for you as for us: We are so focused on our mail from Europa and on everything connected to it that we have no time to do what we'd rather be doing.

The report about the terrible fate of your relatives has deeply shaken us. One can no longer find the appropriate words of outrage for an event that has no parallel in modern history. It is a collective fate that we escaped just in time, and we cannot thank our Creator enough for that.

I shall now give a brief account of how my family is doing, though unfortunately with the limitation   that the reports are very incomplete and may already be outdated due to new events. Manfred was taken to a concentration camp on November 9, but was released after 10 days, apparently after being able to prove that he and his family were already scheduled to leave for the U.S.A. in early January, and that, in the meantime, he was planning to sell his house and other property for cheap in order to meet his tax obligations and pay his "fine." I expect the Goldsteins in New York around mid-January, where they will probably stay until Manfred has passed his exam.

Erich and Edith apparently had heard about the impending arrests in time, escaped to Hamburg, and returned after one week to load their shipping container. If nothing changes their plans, they will depart on the "Manhattan" on December 14, to arrive in New York on the 22nd. They might then continue on by ship to San Francisco, and have already purchased tickets for that purpose. However, I advised them against it and recommended taking the train West instead. Whether they will stay here, or nearby, depends on Erich's plans, which I do not know in detail. Since I believe that he will be able to keep some money safe, he might be able to look around for a short time and find something without a rush. There is hope that my mother will be able come along with them on a visitor's visa. At the time of the last letter, which arrived three days ago, this question was still undecided, and we are waiting daily and with great longing for a telegram to confirm that. My mother would then have to immigrate via Cuba or Canada, which likely won’t pose too much difficulty, once all of her children are already in country. The most important thing is and remains that she arrives here in good health. The rest will   sort itself out eventually.

My mother-in-law arrived in New York eight days ago and is now living there, with my sister-in-law. She experienced terrible things before her departure. Eight SA men stormed into the apartment of her friends, where she had spent her last few days before leaving, completely vandalized the place, left nothing unbroken, and took the head of household away. He was deported to the Weimar concentration camp. Most of our friends have suffered the same or similar fates. The father and brother of my friend Landau[?], formerly Löwenthal, were deported. His mother is sitting all alone in a small town, without a single acquaintance and has no idea where her husband and son are. And she suffers from a serious heart condition.

This sadism still seems far from having exhausted itself; every day one hears of new measures taken. Let them keep going... the pitcher goes to the well until... . At least, the American public is reacting very encouragingly, far more strongly than in any other country. Hopefully, a permanent solution will soon be found regarding the fate of those still languishing in bondage.

In the meantime, I’ve received two inquiries for affidavits for the Kittlers[?], which I had to decline with a very heavy heart. The burden of the obligations I’ve already taken on is already weighing too heavily on me.

Business-wise, things could be better. The industry has experienced a price collapse unlike anything in the history of the canned-goods sector. A significant portion of our output has be sold at prices far below production cost.   The situation has caused me a lot of headaches, but our company has now turned the corner. We are already in the midst of preparations for the new year and want to further expand our new branch, the frozen food business, which was a very successful undertaking in its first year, by incorporating[deleted]building a second factory. I will probably have to use my vacation in February to travel to Switzerland and forcibly liquidate my property there, which has only brought expenses and no income with it. I am still hopeful that the trip can be avoided, because for a large range of reasons I prefer to stay here. But if I go, I will probably travel there directly from the convention in Chicago, which is again taking place at the end of January this year. I am so glad that the Falkensteins are now in Australia. My mother mentions them in almost every letter, and a while back she also included a letter from Else. Three Speier siblings on three different continents other than Europe—the characteristic Jewish fate of our time. I wish I could skip a train on the way to Chicago again when coming through Lincoln, to have an hours' chat with you all. But I don’t know if that will work out, because I'll have my "staff" with me. When, due to the difficulties described above, they had to cut my salary, they tried to compensate for that by making me, in addition to general manager, “vice president”, which reminded me of the old joke: “Sorry, man, we can’t give you a raise, but we can give you a fancy title.” In any case, we shall enter the new year with unshakable optimism and wish each other that 1939 will protect us from disappointments and bring the partial fulfillment of our hopes for all of our loved ones and for ourselves [?].

Cordially, Max
My dears!

Max wrote to you in such detail that I only wish to add my kind regards.

As always, with love, yourHilde.

Notes

Like the Speiers, Max Lehmann (1899—1963) and his wife Hilde (Rosenthal) Lehmann (1907—1987) were from Halberstadt, Germany, where Max ran a canning business. The Lehmanns left Halberstadt for the U.S. in 1937 with their young daughters, Marianne and Ingelotte, and after a brief period in Salt Lake City, Utah, settled in Portland, Oregon, where Max had a major canning and food-packing business. The letter references other family members who were emigrating to the US: his sister Edith (1896—1971) with husband Erich Mendershausen (later Menders, 1881—1958), who settled in Newark, N.J., and his sister Margarete (1894—1992) and her husband Manfred Goldstein (later Gorten, 1886—1956), who came to Tulare, CA. The Lehmann sibling's widowed mother, Martha Helft Lehmann (1867—1956) was able to travel to Cuba later and arrived in the US in 1943. Alfred Speier's mother, Sophie Helene Ida Helft Speier (1857—1905) was related to Max' mother, and this letter makes clear that she was in touch with Alfred's sisters Else Speier Karger (1879—1943) and Rosa Speier Falkenstein (1885—1945), who emigrated their families to Palestine and Australia, respectively. [back]