Letter from Trude to Speier Family, December 10, 1938

Date
December 10, 1938
Format
Category
Sent from
Halberstadt, Germany
  Halberstadt, den 10.12.38. Meine lieben Speiers,

wie oft schon wollte ich Euch schreiben, aber es war mir bis jetzt immer unmoeglich Zeit und Gedanken dafuer frei zu haben. Was wir leiden, kann ich Euch nicht beschreiben, das heisst, ivh will es in Nachfolgendem versuchen.Seit August ist unser Geschaeft verkauft, seitdem kaempfen wir mit unbeschreiblichen finanziellen Schwierigkeiten, und um einen Konkurs zu vermeiden, haben wir alles, was wir im Geschaeft investiert hatten, opfern muessen. Am 3. dieses Monats *also [?]! erst bekam unser Nachfolger die Genehmigung zur Uebernahme des Geschaefts, das auch am selben Tage eroeffnet wurde, was dadurch moeglich war, dass alle Vorbereitungen schon getroffen waren, weil wir schon lange vorher gezwungen waren, unser Geschaeft zu schliessen!! Seit dieser Zeit auch ist Louis fort, und mein Mann ist zu der ganzen Abwicklung mit Herrn Born. allein, der aber nun auch aufhoeren muss, weil er zu seinen Angehoerigen nach Bras. muss.Erna war vollkommen zusammengebrochen, ihre Mutter ist geistig nicht mehr ganz auf der Hoehe, es ist dort eine Schwester zur Pflege im Hause.Adolf war auch fort. Um ihn und Louis habe ich mich gekuemmert, so dass Ad. jetzt wieder hier ist. L.'s Aufenthalt habe ich erst letzten Dienstag ermittelt. Er liegt nun in der chir. Klinik in Halle und hatte eine sehr boese Infektion an der linken Hand, die dort operiert worden ist.Ich haette ihn schon 14 Tage frueher dort besuchen koennen, aber wir wussten nicht, dass er dort ist.Er ist dort sehr gut aufgehoben, und wird hoffentlich wieder gesund werden. Adolf hat durch einen Fremden eine Buergschaft fuer Amerika, und das Kind ist fuer Belgien angemeldet.N.'s selbst werden dann hoffentlich durch ihre Geschwister raus kommen.Raus muessen jetzt alle!Fuer uns ist es zum verzweifeln, aber ich gebe mir die groesste Muehe, das nicht zu tun, sondern es doch irgend .wie zu erreichen, dass wir nicht denselben Weg gehen muessen, den Kaisers gegangen sind. Man sprach immer so leicht davon, aber wie schwer wird der Entschluss, wenn man dicht davor steht, und schliesslich zum Sterben doch noch nicht alt genug ist.Ich hatte Euch wohl schon einmal gebeten, zu versuchen, etwas fuer uns zu tun, und wenn ich heut trotz Eurer Absage nochmals an Euch appelliere, dann koennt Ihr daraus ersehen, in wie bitterer Not wir uns befinden, denn wie ich schon oben erwaehnte, raus muss man.Ihr wisst es doch ganz genau, dass ich arbeiten kann, jede Arbeit, und vielleicht nicht nur ganz einseitig zu verwenden bin.Ist es denn Eueren Verwandten wirklich nicht moeglich mir irgend eine Verdienstmoeglichkeit in einem ihrer Betriebe, sei es in der Waescherei oder in dem Warenhaus zu geben?Wenn sie uns eine Buergschaft geben wuerden, so haetten sie doch hoechstens in der allerersten Zeit noetig, uns finanziell zu unterstuetzen, denn wer so in Elend und Not ist, wie wir es jetzt sind, der weiss ein menschenwuerdiges Dasein zu schaetzen auch unter den minimalsten Lebensbedingungen.Wenn es doch jetzt im letzten Moment einen Menschen gaebe, der uns das Weiterleben ermoeglicht!Sollten Eure Verwandten meiner grossen Bitte nicht zugaenglich sein, dann wisst Ihr vielleicht durch Vermittlung irgend wie andere hilfsbereite Menschen, an die ich mich wenden kann.Wollt Ihr jedenfalls mal Eure Verwandten von diesem Schreiben unterrichten, oder kann ich mich mal direkt an sie wenden?Liebe Speiers, Ihr wisst nicht, wie bitter es fuer mich ist, heut nocmals an Euch zu schreiben, man verliert, so allen Stolz, wenn es wirklich um Sein oder Nichtsein geht.Nur eine Bitte habe ich, schreibt mir umgehend, denn unsere Not und Verzweiflung ist gross! Seit letztem Montag wohnen wir bei Willy, unser Nachfolger im Geschaeft hat unser schoenes gemuetliches Heim uebernommen, wir haetten diese Miete so wie so nicht mehr bezahlen koennen.Aber es ist hier auch nur ein Provisorium, Willy muss das Haus jetzt bald verkaufen, vielleicht schon morgen, denn auch er behaelt wohl nichts mehr uebrig. Hoffentlich wird es wenigstens noch so viel sein, dass er sich in irgend einem Heim einkaufen kann. Wir werden dann, bis wir hoffentlich die Moeglichkeit zur Auswanderung haben, irgend wo unterkriechen.Berlin ist wohl nicht mehr moeglich, wie es in anderen Staedten ist, weiss ich nicht.Von Hans Kaiser habe ich

 

seitdem er drueben ist, noch nichts gehoert, er wird es wohl auch sehr schwe haben.Suse wird eine Haushaltstelle in England bekommen, Franz sehr wahrscheinlich eine Buergschaft fuer U.S.A. auch durch einen Fremden.Fuer die Jugend ist die Auswanderung vielleicht nicht ganz so schwer wie fuer Menschen in unserem Alter. Wie geht es bei Euch? Hoffentlich koennt Ihr nur Gutes berichten.Seid Ihr alle gesund? Wenn ich auch nicht so viel Fragen im einzelnen stellen kann, so interessiert mich doch alles, was es ueber Euch mitzuteilen gibt, sehr. Ich bitte Euch nun nochmals, mir umgehend zu antworten, und ehe Ihr mir evtl. Eure Hilfe wieder versagt, gemeinsam zu ueberlegen, ob wirklich jede Moeglichkeit ausgeschlossen ist, denn glaubt es mir, unsere Lage ist weit mehr als verzweifelt, und unsere Not ist gross!

Ich gruesse Euch alle auch in Alexels Namen recht herzlich Eure Trude[?]

Alex ist von morgens bis abends mit der Abwicklung beschaeftigt, die sehr sehr unangenehm ist.Er schlaeft nachts kaum nochweil ihn die Sorgen um unsere Zukunft zermuerben.Ich wuensche es mir darum so sehnlich, dass es mir doch moeglich sein moechte, durch mein Tun ihm noch einmal Lebensmoeglichkeit und wenigstens etwas Lebensfreude geben zu koennen.

German | English (translation)
My dear Speiers,

How often have I wanted to write to you, but until now it has been impossible for me to find the time and peace of mind for it. I cannot describe to you what we are suffering, but I will try to do so in the following. Our business has been sold since August, and since then we have been struggling with indescribable financial difficulties. To avoid bankruptcy, we have had to sacrifice everything we had invested in the business. On the 3rd of this month *also [?], our successor finally received approval to take over the business, which opened on the same day. This was possible because all the preparations had already been made, as we had been forced to close our business long before! Louis has also been gone since then, and my husband is handling the entire transaction with Mr. Born. alone, but he now has to stop because he has to go to Brazil to be with his relatives. Erna was completely broken down, her mother is no longer quite right in the head, and there is a nurse in the house to look after her. Adolf was also gone. I took care of him and Louis, so that Ad. is now back here. I only found out where L. was staying last Tuesday. He is now in the surgical clinic in Halle, and he had a very bad infection on his left hand, which was operated on there. I could have visited him there 14 days earlier, but we didn't know he was there. He is in very good hands there and will hopefully recover. Adolf has a guarantee for America through a stranger, and the child is registered for Belgium. N.'s themselves will hopefully get out through their siblings. Everyone has to get out now! For us it is enough to drive one to despair, but I am making the greatest effort not to do so. But somehow to manage that we do not have to go the same way the Kaisers have gone. People always talked about it so easily, but how difficult the decision is when you are faced with it and are not yet old enough to die. I think I have already asked you once to try to do something for us, and if I appeal to you again today despite your refusal, then you can see how bitterly we are in need, because as I mentioned above, we have to get out. You know very well that I can work, any kind of work, and perhaps I am not only useful in one area. Is it really impossible for your relatives to give me 
any opportunity to earn money in one of their businesses, be it in the
 laundry or in the department store? If they were to give us a guarantee, they would only need to support us financially in the very beginning. Because those who are in such misery and need as we are now, know how to appreciate a dignified existence even under the most minimal living conditions. If only there were someone at this last moment who could enable us to continue living! If your relatives are not receptive to my great request, then perhaps you know of other helpful people through your connections whom I could turn to. In any case, do you want to inform your relatives about this letter, or can I contact them directly? Dear Speiers, you don't know how bitter it is for me to write to you again today. One loses all pride when it is really a matter of life and death. I have only one plea: write to me immediately, our distress and despair are great! Since last Monday, we have been staying with Willy, our successor in the business. He has taken over our beautiful, cozy home; we would not have been able to pay the rent anyway. But this is only a temporary solution, Willy has to sell the house soon, maybe even tomorrow, because he too, has nothing left. Hopefully, there will be at least enough for him to buy himself into some kind of home. We will then find somewhere to stay until we hopefully have the opportunity to emigrate. Berlin is probably no longer an option, but I don't know what the situation is like in other cities. I heard from Hans Kaiser that

since he's been over there, we haven't heard anything yet. He's probably having a very hard time. Suse will get a domestic servant position in England, Franz most likely a guarantee for the US, also through a stranger. For young people, emigration is perhaps not quite as difficult as it is for people our age. How are you? I hope you have only good news to report. Are you all in good health? Even though I can't ask many specific questions, I am very interested in everything there is to tell about you. I ask you once again to reply immediately and, before you possibly refuse to help me again, to consider together whether every possibility has really been exhausted, because believe me, our situation is far more than desperate, and our need is great!

I send you all my warmest regards, also on behalf of Alexel. Yours Trude[?]

Alex is busy from morning to night with the settlement, which is very unpleasant. He hardly sleeps at night because his worries about our future are wearing him down. I therefore wish so ardently that it might be possible for me, through my actions, to give him another chance at life and at least some joy in life.