Letter from Adolf Abraham Fackenheim and Gerda Oppenheimer to Alfred and Käte Speier, February 10, 1939

Date
February 10, 1939
Format
Category
Repository
Archives & Special Collections, University of Nebraska-Lincoln Libraries
Collection
Rosenburg Family Papers, MS 0638
Subject
Ne'ilah
Shomrim
Gafirim
Tanakh
Purim
Tu BiShvat
Youth Aliyah
Mizrachi
Sender(s)
Fackenheim, Adolf Abraham
Oppenheimer, Gerda
Sent from
Ein Harod, Palestine
Recipient(s)
Speier, Alfred
Speier, Käte
Letter from Adolf Abraham Fackenheim and Gerda Oppenheimer to Alfred and Käte Speier, February 10, 1939
  Meine Lieben!

Eure l. Briefe vom 15/12 brachten uns die ersten ausführlichen Berichte über all' das Grauenhafte, was unseren Lieben bei dem Progrom im Novber zugestoßen ist. Seitdem haben wir 2x Nachricht aus Eisenach gehabt—ein Brief kam heute. Alwin schrieb, daß das Geschäft u. Haus Johannistr. sehr billig verkauft sei, u. daß ein "Treuhänder" alles abwickelt; das heißt, daß E's Nichts davon haben werden oder vielleicht noch zuzahlen müssen. Auch ihr Haus Luisenstr. müssen sie bald verkaufen u. ich fürchte, daß sie auch dabei nicht nur Nichts übrig haben werden, denn der Verkauf muß von der S.A. genehmigt werden, wobei diese den Preis festsetzt—so habe ich es von Leuten gehört, die unterdessen hierher gekommen sind. Alice wird Anfang März abreisen, aber Egon hat noch keine Aussichten; er hat   sich verlobt u. schickt uns sein u. seiner Braut Bild, die schon Anfang März nach USA reisen. AE's müssten m. Ansicht nach auch so schnell wie möglich raus, Alwin schreibt, sie hätten noch keine Nos[?]; da wird es noch sehr lange dauern, bis sie davon kommen; wer weiß, was noch alles bis dahin passiert. Das Schrecklichste ist, daß man bei all dem Niemandem helfen kann. Alwin schreibt auch, daß ich mich bemühen sollte, Siegfried hier irgend wo unterzukriegen. Ich habe mit unserem Dezernenten für diese Angelegenheiten schon einmal gesprochen; es gibt keine Möglichkeiten dafür. Es ist mir sehr leid i.[?] l. Mutter wegen, aber wir können tatsächlich nichts dazu tun. Wie ich schon schrieb, kann ich nicht einmal für m. Brüder etwas erreichen. Auf die Einzelheiten des Progroms einzugehen, ekelt es mich; Euer Senator Eicker hat recht wenn er sagte, daß man doch das Mittelalter davor in Schutz nehmen müsse, mit dem Stand von heute verglichen zu werden. Von meinen Brüdern geht der Jüngste—Siegfried i. Kassel, er ist auch schon 60 J. alt—zunächst nach London, wo seine beiden jüngere Töchter, verheir., hingezogen sind, u. von da wahrscheinlich zu Trude—die älteste—Gymnastik–Lehrerin; er ist Arzt ich glaube in Philadelphia; die Annemarie, Tochter v. Julius, der jetzt in München wohnt, ist nach Brasilien u. mein Bruder ist nun allein; Karl—Berlin—ist nach Hamburg zu m. ältesten Schwester Emilie (83 J. alt) gezogen, die dort mit Mann u. 1 Sohn lebt. Von meiner Schwestern in Mühlh. ist die ältere, Ida, von 3 Wochen nach 12jähr. Krankenlager, gestorben; was[?] nun Anna beginnen wird, weiß ich noch nicht, da sie   noch nicht geschrieben hat.—Von Arthur kommt ein Bruder mit Fam.—3 Kinder— demnächst ins Land; 2 Brüder sind in New-York u. für s. Mutter bemüht er sich ein Certefikat zu erhalten.—Man könnte endlos über das Thema schreiben, aber was helfen kann man nicht. England ist jetzt, während der Tagung in London, noch schwieriger mit der Abgabe von Certefikaten. Ich bin ebenso wie wir Alle hier im Lande u. in der ganzen Welt neugierig, was bei der Konferrenz heraus kommt. Für Engl. steht viel auf dem Spiel, da Palästina die Schlüsselstellung für den kürzesten Weg nach Indien, die Mündung der Irak-Petroleum-Quellen u. die Beherrschung des Suez-Kanals ist. Das ist Alles die Folge der sogen. Abrüstung, die Engl. betrieben hat; ich las neulich eine deutsch- Süd-Afrikan. Zeitung, da wurde diese Politik ebenso kritisiert u. als "muddle through"   was wohl so ähnlich wie "Schlamperei" bedeutet, bezeichnet.—Na, wir werden sehen, was herauskommt; auf jeden Fall sind wir hier sicher.—Ich erhielt in diesen Tagen zwei originelle Briefe, den einen von Trude Heilbrun a. Mühlhausen; sie teilt mir mit, daß sie Geschäft u. Haus am 1/10 verkauft habe, daß ihr Sohn Heinz hier in Haifa sei u. seit 14 Jahr die Handwerker¬ schule am Technicum besuche, daß sie nun ganz allein sei u. so schnell als möglich hierher wolle; sie schreibt, daß ihr einziger Wunsch Palästina sei: "Könntest du, l. A, mich nicht als deine Frau anfordern, ich gehe auch mit in den Kibbutz u. melke Kühe!" "Was hast du Angst? Ich tue wir nichts Böses als deine Frau!" - Und damit ich sehe, ob mir meine zukünftige Braut auch gefällt, schickt sie gleich ihr neuestes Bild.—Was sagt Ihr dazu? Ich habe ihr geantwortet, daß es so nicht geht, da   ich eine Frau, die noch nicht meine Frau ist, nicht anfordern kann: sie solle sich von Heinrich Eckmann als Pflegerinn für Tilly mitnehmen lassen, die nach den Operationen die sie durchgemacht hat, sicher eine Hilfe gebraucht. Aber ich erhalte gestern einen Brief von A E's, in dem Eu. Mutter schreibt daß Tilly's Befinden so schlecht sei, daß man täglich mit ihrem Ableben rechnen muß.— Jedenfalls habe ich über den Brief mal wieder herzl. gelacht.—Der andere Brief ist von einem Schulfreund m. Br. Julius, von einem ehemal. evangel. Pastor Ruge, der vor ca. 45/50 Jahren nach Amerika gegangen ist u. Lector d. französ. Sprache in Penney Farms (Florida) ist. Ich habe ihn vor m. Abreise einmal in Mühlhausen getroffen, wo er zum ersten Mal wieder zu Besuch war. Er möchte gern über Dtschld hören, was man nicht in den Zeitungen liest, da ihm Julius, mit dem er in Briefwechsel stand, immer nur antwortete, daß es ihm glänzend ginge. Auch aus anderen Briefen u. Zeitungen, die er aus Dtschld bekommt, wird ihm Nichts klar; "Jeder fürchte anscheinend die Zensur usw; was sie am meisten interessiere, darüber schreibt niemand etwas!"—Und von hier möchte er gern persönliche Erfahrungen kennen lernen. […] Ich werde ihm sehr ausführlich antworten. Er soll über Dtschld alles erfahren, was ich weiß u. auch über hier, werde ich ihm Einiges schreiben, was für ihn neu sein wird.

Die Beschäftigung mit diesen Briefen hilft mir über ein paar Abende hinweg u. lenkt die Gedanken von dem Alltäglichen ab.—Ich überlese eben Eure l. Briefe noch einmal u. da fallen mir Eure Glückwünsche für das neue Jahr auf; davon hatten   wir vollständig vergessen. Man macht ja hier sonst auch nicht viel aus Sylvester, aber die Deutschen gratulierten sich u. feierten auch in kleinen Kreisen. Dieses Jahr war gar Nichts los. Bei Euch feiert man wohl allgemein? So ähnlich wie in Dtschld?—Hier hat man bei den Kindern mit den Vorbereitungen für Purim—dem hiesigen Karneval— begonnen u. kürzlich war das erste Frühlingsfest—noch ehe es Frühling ist—der 15. Schevat, "das Geburtsfest der Bäume," das ist der Tag, von dem man sagt, daß der Saft steigt u. die Bäume wieder wachsen. Die Feier besteht darin, daß die Kinder mit Musik u. Gesang nach einem ausgewählten Platz ziehen u. jedes Kind ein Bäumchen pflanzt. Man macht für dieses Fest in den Städten eine besondere Reklame, weil dort die aus West-Europa bekannten   Festfeiern eigentlich wenig jüdisch seien, während der Baum-Geburtstag ein Rest der Verbundenheit der Juden mit dem Land ist u. von keinem anderen Volk gefeiert wird.—Heute Abend berichtet eine Frau, die von hier aus in Deutschland war, um die Jugend-Alijah, d. h. die Auswanderung der Jungen u. Mädel im Alter von 15–18 Jahren, zu organisieren über ihre Erfahrungen u. Erlebnisse einen Vortrag. Wir haben vor einem halben Jahr schon 60 solche jungen Leute, die meisten sind aus Oestreich, aufgenommen u. erwarten jetzt nochmal 60, von denen 9 schon hier sind. Es ist schwierig, die Auswanderung schnell zu bewerkstelligen, weil den meisten schon das Geld dazu fehlt. Man merkt das besonders an den Koffern, in denen sie ihr Gepäck haben, die immer kleiner werden!—Von einer Neuerung,   die man seit kurzem hier eingeführt hat, will ich noch berichten: Man liest jeden Abend ein Kapitel aus dem Tenach vor, augenblicklich ist Jeremias an der Reihe. Es wird Abends in 2 Abteilungen gegessen, die Vorlesung ist vor der 2ten Abteilung. Das Essen der 1ten Abt. beginnt um 1/2 7, das ist mir zu früh u. ich esse deshalb mit der 2ten Abt. u. habe das Vergnügen, die Vorlesung meistens zu hören, bekanntlich ist man hier nicht religiös, im Gegenteil areligiös, man ist Volks– oder National– u. nicht Religions–Jude; die Vorlesung ist deshalb auch kein religiöser Akt, sondern wird als Geschichte betrachtet. Ich glaube nicht, daß die Einrichtung lange bestehen bleibt; ob National– oder Religions–Jude: Ort u. Zeit ist nicht geeignet dafür.—Nun habe ich mal wieder Alles geschrieben, was mir gerade eingefallen ist. Gerda will ja auch noch anschreiben.

Wir freuen uns, daß Ihr Alle gesund seid u. daß es Euch gut geht—das ist mehr als jemals die Hauptsache. Auch von uns können wir dasselbe sagen.

Hoffentlich hören wir bald wieder von Euch.

Allen herzlichste GrüßeEuer Adolf
Meine Lieben

Vater hat ja mal wieder einen so ausführlichen Brief geschrieben! Inzwischen erhielten wir Eure l. Zeilen, wir freuen uns immer schrecklich wenn Du, lb. Tante Kätchen so viel erzählst u. uns ausführlich schreibst. Vater hat schon auf viele Deiner Fragen geantwortet; besorders betreffs der l. Eckmanns. Wir haben inzwischen Einquartierung bekommen für 2–3 Monate: Hier hat man noch 60 Jugendliche aufgenommen; durch den starken Regen, der in diesem Winter war konnte man die Bauten   nicht fertigstellen u. hat den Familien die 1 Kind im Zimmer haben je 1 Jugendlichen einquartiert. Uri gehört ja rechtmäßig noch in den Kindergarten. Wir haben einen netten 15 1/2 jährigen Jungen aus Karlsruhe; er scheint aus gutem Hause u. macht einen guten Eindruck. Mit den Kindern ist er in bestem Einvernehmen. Es kann sein daß wir ihn nicht lange behalten können, denn am 6. 3. kommt mein Leipziger Schwager mit Familie (3 kleine Kinder!) ins Land; er hat sein Zertifikat durch den Misrachi bekommen u. wir hoffen sehr, daß er durch seine Freunde und Beziehungen zum Misrachi auch eine Lehrerstelle bekommt und seine Fächer, Mathematk, Physik, Chemie sind noch nicht so besetzt—wie man sagt. Er muß nur sein Hebräisch noch etwas vervollkommnen u. wir hatten ihm angeboten, daß er zu diesem Zweck 1–2 Monate hier sein kann; seine Frau mit den 2 Kleinsten wird bis er etwas gefundent hat in Tel Aviv bei dem Bruder meiner Schwägerin sein, der Hals– Nasen–   Ohrenarzt ist u. dem es recht gut geht; die Große wird in Rodges sein—aber hoffentlich wird die Aufteilung der Familie nicht lange nötig sein u. er wird bald eine Existenz finden. Ich schrieb Euch wohl schon von dem Pech, das meine Schwägerin Henny hatte: sie kam zu Besuch hier her, u. bei einem Omnibus Zusammenstoß war sie die Schwerstverwundete! Beckenbruch, 8 Wochen liegt sie schon im Krankenhaus; jetzt muß sie Gehversuche machen. Arthur fährt nächste Woche hin, um sie zu besuchen u. den Bruder zu begrüßen.—Hier ist jetzt gedrückte Stimmung durch die politische Lage: die Berichte über London sind nicht sehr erfreulich u. wirken sich auch auf die politische wirtschaftliche Lage aus. Hoffentlich wird's nicht so wie hier viele befürchten.—. Ihr fragt nach den Kindern? Augenblicklich spielt die Hauptrolle Purim, besonders bei den Kleinen: man bereitet Geschenke vor, die Kinder bringen den Eltern u. die Eltern bringen kleine Geschenke den Kindern. Abends sind Purimspiele; etc.. Uri ist im Gefolge des   Königs der [?]. Micha erzählt die ganze Zeit von einem sehr nützlichen Gegenstand, den er in der Tischlerei für das Zimmer gearbeitet hat. Ihr schreibt wofür er sich außer Lesen interessiert? In der Hauptsache für Pflanzen u. Naturkunde. Er sammelt u. preßt alle möglichen Pflanzen u. beschäftigt sich viel damit; auch sonst ist er ein guter Schüler u. ein braver Kerl; der Kleine ist viel wilder u. ein großer Schelm. Schrieb ich Dir, lb. Tante, daß ich von dem braunen Sportkostüm, daß ich von Dir (oder war es von Tante Reni?) hatte dem Micha einen wunderschönen Mantel nähen ließ? Er ist tadellos geworden!

Nun zum Schluß noch die herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstage, lb. Onkel Alfred. Bei Erhalt dieses Briefes sicher schon längst vorbei; aber unsere guten Wünsche nimmst Du auch nachträglich entgegen. Bleibt gesund, das ist die Hauptsache.

Alles Gute […] herzlichst
Eure
Gerda

Der Brief hat bis jetzt hier gelegen—Gerda hat immer keine Zeit—u. nun kommt er wie gewöhnlich mit unseren Gratulationen zu Deinem Geburtstag zu spät. Ich denke, daß Ihr daran schon gewohnt seid! Aber gratulieren kann man jeden Tag u. man kann sich auch jeden Tag Gutes wünschen u. daß unsere Wünsche nicht weniger herzlich sind, wenn sie auch verspätet kommen, wisst Ihr doch. Euer Brief vom 2.2. ist inzwischen auch angekommen. Du, l. Käthe, schreibst immer so schön ausführlich u. ich will noch auf einiges in meinem Brief eingehen: Ihr kennt noch gar nicht alle Gemeinheiten, die man sich in Dtschld ausgedacht hat, um Juden zu quälen. Es gibt eine neue Krankheit bei den Unglücklichen, die im Lager Buchenwald bei Weimar waren; die Buchenwald-Krankheit; man hat die Menschen 4 Tage   ununterbrochen stramm stehen lassen, ohne daß sie essen durften oder ihre Notdurft verrichten durften! Salz hat man ihnen gegeben u. nichts zu trinken. Man hat Bluthunde auf sie gesetzt, u. wenn sie auf der Flucht an den elektr. geladenen Zaun rührten, wurde sie durch den Strom getötet. 1000de sind dadurch gestorben!—

Mit Egon ist es ja sehr ungünstig; ich wundere mich, daß er sich nur verlobt hat, hätte es nicht Chancen gegeben, wenn er gleich geheiratet hätte, mit seiner Braut, die doch die Einreise-Erlaubnis hatte, rüber zu gehen? Er schreibt nur, dass er sich zu einer landwirtschaftl. Ausbildung gemeldet habe, damit er nach 2 Jahren hierher kann! u. von hier aus dann nach dort geht. Eine Möglichkeit, daß wir ihn anfordern könnten, besteht leider nicht. Ich habe ihm geschrieben, ob ihn nicht Erich E. als notwendigen Spezialisten   u. Vertrauensmann für sein Geschäft anfordern kann u. ich werde mit Erich u. Heinrich, der auch schon hier ist, darüber sprechen. Viele Leute kommen illegal, man schätzt die Zahl auf 20-25000, die schon im Lande sind. Engl. drückt wohl die Augen zu, aber wenn die Araber mal Stunk machen, dann werden auch mal solche Illegale geschnappt u. man lässt sie nicht landen. Deshalb ist es immer sehr riskant u. schreiben konnte ich es ihm nicht, denn man muß befürchten, daß der Brief in D. geöffnet wird, ehe er ihn erhält.—Über Alice u. Ernst habe ich keine Sorgen, sie werden schon durchkommen; sie haben doch Freunde drüben u. sind so tüchtige Menschen nach dem, was A E schreibt. Daß Irma mit ihrem Kind nach Hause zu ihrem Vater gegangen ist, schrieb Euch Eu. l. Mutter; sie hat das Kind zur Alijah hierher angemeldet   das ist das vernünftigste! Für 5000 Kinder sind schon Freiplätze in Familien in Tel-aviv bereit gestellt! Für Siegfried können wir leider nichts tun. Daß man seine Töchter nicht hierher gegeben hat, tut mir direkt sehr leid, der Eltern u. der Kinder wegen! Sie sind hier entschieden besser aufgehoben als in D. Bei all' dem "Klamauk"—es fällt mir eben keine treffendere Bezeichnung ein—den wir haben, bietet Pal. immer noch die beste Sicherheit. Was soll nun[?] geschehen? Je mehr Juden ins Land kommen, desto besser ist es. Die Zukunft wird hier ebenso sicher oder unsicher sein, wie wo anders. Engl. hat endlich eingesehen, daß wir —d. h. die Juden— sich doch nicht so verkaufen lassen, wie die Tschechei u. mit der Zeit werden es auch die Araber tun müssen. Unterdessen geht leider die Schießerei hier im Lande weiter u. in der Umgegend hat es heute leider auch 2 Tode gegeben, aber das ändert an der Sicherheit des jüd. Pal. nichts. Die Araber hatten ja auf die erste Nachricht von dem rein arab. Plan[?], den Engl. vorgeschlagen—allerdings ohne an eine Erfüllung zu denken—schon Siegefeiern veranstaltet u. dabei ist in Haifa eine Bombe geplatzt, die 30 Arabern das Leben gekostet hat, auch in Jerusalem u. zwischen Jaffa u. Tel-aviv ist Ähnliches passiert, u. nun, da sich diese Feiern als verfrüht erwiesen haben, schießen sie aus Enttäuschung. Bei uns in En-Ch. ist es nach wie vor ruhig, d. h. man arbeitet u. die Gafirim—die Haftpolizei— u. us. Schomrim—das sind die Wachmanschaften— tun ihren Dienst; dadurch, daß Beide oft wechseln, werden immer mehr Leute militärisch u. im Schießen ausgebildet u. es kommt so weit, daß jeder Junge kann u. viele Mädchen   im Dienst mit der Waffe ausgebildet sind; es giebt Siedlungen, wo Mädchen das M-G bedienen!—Gerda sagte mir, daß sie Kargers bei ihrem nächsten Besuch in Haifa besuchen u. mir dann auch über den Bräutigam berichten würde, das sollte ich noch mitschreiben, da sie es vergessen habe.—Falkenstein's Erlebnis auf der Fahrt nach Australien ist ein typisches Zeichen für das traurige Los so vieler Juden. Die Unsicherheit ist in der Welt allgemein u. jeder kann von Glück sprechen wenn er, wie F.'s, in halbwegs gesicherte Verhältnisse kommt.—Über Eure Familien– Nachrichten habe ich mich (ich nicht allein sondern wir Alle) sehr gefreut. Ihr u. ich haben es doch in der ganzen Verwandschaft in der Beziehung am Besten u. wir werden ja auch von Allen beneidet. Lernt Ev schon Fachliches? Chemie u.   Naterwissenschaft? Ich würde mich sehr interessieren, mal zu erfahren, wie sich das Studium der Pharmacie dort aufbaut: daß die jungen Studenten dort Zensuren erhalten, finde ich sehr richtig; man hat in Dtschld. schon längst eingesehen, daß das dort übliche Verfahren—der Student braucht sich nur den Besuch der Vorlesungen testieren zu lassen—nicht richtig ist; jetzt ist ja das Fach-Studium Nebensache; die Hauptsache ist der "nationale Dienst". Dir, l. Alfred, kann man also auch zu avancement gratulieren! Na, der klingende Erfolg wird sich auch noch einstellen. Du kennst doch die Geschichte von dem Prokuristen u. dem W-C-Schlüssel?—Das wird auch bei Eurem Ludwig noch kommen. Die Hauptsache ist doch, daß sie—Ilse u. Ludwig— dort sind u. Euer Muschi-Enkelkind, das muß   doch wirklich ein süßes Ding sein; ihr habt uns doch mal ein Bild von ihr gesandt! Wir haben hier auch so ein kleines Mädel, Töchterchen unseres Politikus Liebenstein, der jetzt 1 Jahr in England war, das Kind spricht perfect hebräisch, englisch u. deutsch! Unsere Jungens sind beide für ihr Alter groß— Micha, der ja nun 9 Jahre alt ist, misst 1.37 m. u. Uri ist 1.15 Mtr. für sein Alter auch ein großer Junge.—Du, l. Käthe, fragst nach meinem Iwrith-sprechen; ja, das ist der dunkele Punkt in meinem sonst erfreulichen Dasein; mir geht es damit ebenso wie Dir mit Amerikanisch—verstehen jaetwas, aber sprechen—nein; vielleicht erlerne ich es doch noch. Es liegt hauptsächlich daran, daß alle Leute glauben, sie müssen mit mir Deutsch sprechen u. wenn es noch schlechter ist, als mein Iwrith!—Es ist gerade Purim, an dem die "Negilah" gelesen wird, die bekanntlich sehr lang ist; ich sehe eben den Umfang des Briefes an u. muß ja sagen, daß er in der Länge auch fast eine Negilah ist.—Aber nun Schluß!

Nochmals herzlichstAdolf

Ich sammele für die Jungen Briefmarken, wenn ihr Gelegenheit habt, d. h. wenn Ihr Briefe auf dem Ausland (Süd-Amerika) - außer Dtschld - bekommt, wollt Ihr mir die Marken davon senden?

German | English (translation)
  My dears!

Your letters of December 15th brought us the first detailed reports about all the horrors that happened to our loved ones during the pogrom in November. Since then, we have received news from Eisenach twice—a letter arrived today. Alwin wrote that the business and house on Johannistrasse were sold very cheaply, and that a "trustee" is handling everything; that is, that the E's will get nothing from it or may even have to pay extra. They will also soon have to sell their house on Luisenstrasse[?], and I fear that they will get nothing from it either, because the sale has to be approved by the SA, which sets the price—that's what I heard from people who have come here since then. Alice will be leaving at the beginning of March, but Egon has no prospects yet; he has gotten engaged and sent us a picture of himself and his bride, who is traveling to the USA at the beginning of March. In my opinion, the AEs should also try to leave as soon as possible. Alwin writes that they don't have any numbers[?] yet, so it will be a very long time before they get out; who knows what else might happen by then. The most terrible thing is that in the midst of all this, we cannot help anyone. Alwin also writes that I should try to find a place for Siegfried here somewhere. I've already spoken with our representative who looks into these matters; there are no options for this. I'm very sorry on behalf of their dear mother, but we really cannot do anything about it. As I already wrote, I can't even do anything for my brothers. Going into the details of the pogrom disgusts me; your Senator Eicker is right when he said that one must protect the Middle Ages from being compared to the current state of affairs. Of my brothers, the youngest—Siegfried in Kassel, who is also already 60 years old—is going first to London, where his two younger daughters (who are both married) have moved, and from there probably to Trude's, the eldest (a gymnastics teacher); [her husband] is a doctor, in Philadelphia, I believe; Annemarie, Julius's daughter, who lived in Munich, has gone to Brazil, and my brother is now alone; Karl (Berlin) has moved to Hamburg to live with my eldest sister Emilie (83 years old), who lives there with her husband and one son. Of my sisters in Mühlhausen, the older one, Ida, died three weeks ago, after 12 years of being bedridden; what Anna will do now, I don't yet know, because she hasn't written yet. A brother of Arthur's will be arriving soon with his family—three children— two brothers are in New York, and he is trying to obtain a certificate for his mother.—One could write endlessly about the topic, but cannot help in any way. While the conference is going on in London, it is even more difficult to obtain a certificate from England. I am, like all of us here in the country and throughout the world, curious about the outcome of the conference. For England, much is at stake, since Palestine is the key location for the shortest route to India, the mouth of the Iraqi oil wells, and control of the Suez Canal. This is all a consequence of the so-called disarmament that England has pursued; I recently read a newspaper from German South Africa, in which this policy was also criticized and described as a "muddle-through," which means something like "sloppy work," I think. — Well, we'll see what comes of it; in any case, we're safe here. — In recent days, I received two peculiar letters, one from Trude Heilbrun from Mühlhausen; she informs me that she sold her business and house on October 1st, that her son Heinz is here in Haifa and has been attending the trade school at the technical college for the past 3 months, that she is now all alone and wants to come here as soon as possible; she writes that her only wish is Palestine: "Couldn't you, dear A., request me as your wife? I'll even join you at the kibbutz and milk cows!" "What are you afraid of? I won't do anything bad to you as your wife!" — And so that I can see if I actually like my future bride, she immediately sends me her latest picture.—What do you think of that? I wrote her that it doesn't work that way, because I cannot request [a permit for] a woman who is not yet my wife. Instead, she should let Heinrich Eckmann take her along as a caregiver for Tilly; for after the operations she has undergone, she is surely in need of assistance. But yesterday I received a letter from the A.E.'s, in which your mother writes that Tilly’s condition is so poor that one must expect her passing at any moment.—In any case, I had a good laugh for once about that letter.—The other letter is from a schoolmate of my brother Julius—a former Protestant pastor named Ruge, who went to America some 45 or 50 years ago and now teaches French in Penney Farms (Florida). I met him once in Mühlhausen before my departure, when he was visiting there for the first time since he emigrated. He would very much like to hear the kind of news from Germany that one can't find in the newspapers, because Julius, with whom he corresponded, always just replied that he was doing splendidly. He doesn't get a clear picture from other letters and newspapers he receives from Germany, either: "Everyone seems to fear censorship, etc.; nobody writes about what they most want to know!"—And he would like to learn about our personal experience here. […] I will answer him in great detail. He shall learn everything I know about Germany, and I will also write him some things about life here that will be new to him.

Writing such letters helps me get through a few evenings and distracts my thoughts from the day-to-day.—I am skimming your letters right now and I noticed your New Year's greetings; we completely forgot about that. People don't usually make much of New Year's Eve here, but the Germans congratulated each other and celebrated in small groups. This year, nothing happened at all. Do people generally celebrate where you are? Similar to Germany?—Here, the children have started preparing for Purim, the carnival around here, and recently we had the first spring festival—even before any true spring—on the 15th of Shevat, "the birthday of the trees," i.e. the day when it's said that the sap rises and the trees start growing again. The celebration consists of a children's parade with music and singing to a chosen spot, where each child plants a small tree. This festival is heavily advertised in the cities because the city festivals derived from Western Europe are really not very Jewish, while the Tree Birthday is a remnant of the Jews' connection to the land and is not celebrated by other peoples.—This evening, a woman who went from here to Germany to organize the Youth Aliyah, i.e., the emigration of boys and girls aged 15–18, will give a presentation about her experience. We already took in 60 such young people six months ago, most of them from Austria, and are now expecting another 60, of whom 9 are already here. It is difficult to arrange the emigration fast enough because most of them lack the money. You can see this especially in the suitcases they carry, which are getting smaller and smaller!—I still want to tell you about a recently introduced new custom here: Every evening, a chapter from the Tanakh is read aloud; currently, we are reading Jeremiah. We eat our evening meal in two shifts; the reading takes place before the second shift. The first shift begins their meal at 6:30, which is too early for me, so I eat with the second shift and have the pleasure of usually attending the reading. As is well known, people here are not religious; on the contrary, they are irreligious. They are ethnic or national Jews, not religious Jews. The reading is therefore not a religious act, but is seen as a history lesson. I don't believe this arrangement will last long; regardless of whether someone is an ethnic or a religious Jew, the place and time are not suitable for it.—And here we are again; I've written down every single thing that came to mind. But Gerda also wants to add something.

We're so glad you're all healthy and doing well—that's more than ever the most important thing. We can say the same about ourselves.

Hopefully we'll hear from you again soon.

Warmest regards to all fromyour Adolf
My dears,

Yet again, Father has written such a detailed letter! By now, we have received your letters as well; we are always so happy when you, dear Aunt Kätchen, tell us so much and write to us in such detail. Father has already answered many of your questions, especially concerning the Eckmanns. We have now been assigned a refugee to live with us for 2–3 months. They have taken in another 60 young people here; due to the heavy rain this winter, the buildings could not be finished, so they assigned one young person to each of the families who have only one child in their room. (Uri should rightfully still be living in preschool housing.) We have a nice 15 1/2-year-old boy from Karlsruhe; he seems to come from a good family and makes a good impression. He gets along very well with the children. It's possible that we won't be able to keep him for long, because on March 6th, my brother-in-law from Leipzig is coming to the country with his family (3 small children!). He received his certificate through the Mizrachi party, and we very much hope that through his friends and connections to the Mizrachi, he will also get a teaching position and that his subjects—mathematics, physics, chemistry—are still in as much demand as is claimed. He just needs to perfect his Hebrew a bit more, and we suggested that he stay here for 1 or 2 months for that purpose. His wife and the two youngest children will be in Tel Aviv until he finds something and stay with my sister-in-law's brother, who is an ear-, nose-, and throat- doctor who is doing quite well; the eldest will be in Rodges—but hopefully the division of the family won't be necessary for very long and he will soon find a livelihood. I think I already wrote to you about the bad luck my sister-in-law Henny had: she came to visit here, and she was the most seriously hurt person in a bus collision! She's been in the hospital with a broken pelvis for 8 weeks already; she is only now allowed to try walking. Arthur is going there next week to visit her and welcome his brother.—The mood is gloomy here right now because of the political situation: the reports from London are not very encouraging and are affecting the political economic situation. Hopefully it won't turn out as many here fear.—You are asking about the children? Currently, Purim takes center stage, especially for the little ones: gifts are prepared, the children give them to their parents and the parents give small gifts to the children. In the evenings, there are Purim games; etc. Uri is part of the retinue of the King of the [?]. Micha talks constantly about a very useful object that he crafted in the carpentry workshop for our room. You ask what interests him besides reading? Primarily plants and natural history. He collects and presses all sorts of plants and devotes a great deal of time to this; he is also a good student in all other respects, and a fine lad; the little one is much wilder and quite a rascal. Did I write to you, dear Aunt, that I took the brown sports outfit I received from you (or was it from Aunt Reni?) and had a beautiful coat made out of it for Micha? It turned out perfectly!

And now, I shall close with my warmest wishes for your birthday, dear Uncle Alfred. By the time you receive this letter, it will surely have long since passed; but I trust you will accept our good wishes even belatedly. Stay healthy; that is the main thing.

All the best[…] and cordially yours, Gerda

This letter has been sitting here until now.—Gerda never has time, and now it will arrive late, as is usually the case with our birthday wishes. I think you're used to it by now! But we can all congratulate someone any day, and we can also wish each other well any day, and you know that our wishes are no less heartfelt even if they come late. In the meantime, your letter of February 2nd has also arrived. You, dear Käthe, always write so beautifully and in such detail, and I want to address some things you mention in my letter. You don't yet know all the cruelties that have been devised in Germany to torment Jews. There is a new disease among the unfortunate people who were in Buchenwald near Weimar, "Buchenwald disease." People were made to stand at attention for four days   without being allowed to eat or relieve themselves! They were fed salt and given nothing to drink. Bloodhounds were set on them, and if they touched the electrified fence while trying to escape, they were killed by the current. Thousands have died as a result!

As far as Egon is concerned, things are certainly very unfavorable; I am surprised that he only got engaged. Wouldn't there have been a chance of emigrating with his bride, who already had the entry permit, if he had simply married her? He only writes that he has registered for an agricultural training program, so that he can come here after two years! and then go there from here. Unfortunately, there is no option for us to request him. I wrote to him asking if Erich E. could request him as a necessary specialist and trusted representative for his business, and I will discuss this with Erich and Heinrich, who is already here. Many people are coming illegally; the number of those who are already in the country is estimated at 20,000-25,000. England probably turns a blind eye, but whenever the Arabs make a fuss, such illegal immigrants are sometimes caught and not allowed to land. Therefore, it is always very risky and I couldn't write him about that, because one has to fear that the letter will be opened in Germany before he receives it.—I have no worries about Alice and Ernst, they will make it through; they have friends over there and are such capable people according to what A E writes. Your dear mother already informed you that Irma and her child went home to her father. She registered the child for the Aliyah here;   that's the most sensible thing to do! Spots have already been arranged for 5,000 children with families in Tel Aviv! Unfortunately, we can't do anything for Siegfried. I'm very sorry that his daughters weren't sent here, for the sake of the parents and the children! They are definitely better off here than in Germany. With all the "nonsense"—I can't think of a more fitting term—that we have going on, Palestine still offers the safest option. What could happen [?]? The more Jews come into the country, the better. The future here will be just as secure or uncertain as anywhere else. England has finally realized that we—that is, the Jews—cannot be sold out like the Czech Republic, and in time the Arabs will have to see this as well. Meanwhile, unfortunately, gunfire continues throughout the country, and unfortunately, there were two deaths in this area today, but that doesn't make Jewish Palestine any less safe. The Arabs, upon hearing the first news of the exclusively Arab plan[?] proposed by England—albeit without thinking of making it come true—already organized victory celebrations, and during these celebrations, a bomb exploded in Haifa, killing 30 Arabs. Similar things happened in Jerusalem and between Jaffa and Tel Aviv. And now, since these celebrations have proven premature, they are shooting out of disappointment. Here in En-Ch., things are still quiet, meaning people are working, and the Gafirim—the police—and our Shomrim—the local militia—are doing their duty. Because both have frequent personnel changes, more and more people get trained in military matters and in shooting, and it has gotten to the point that every boy can be and many girls are in fact trained to handle weapons; there are settlements where girls operate the machine guns!—Gerda told me that she would visit the Kargers on her next trip to Haifa and would then also tell me about the groom; I was supposed to write that, because she had forgotten to.—The Falkenstein's experience on the journey to Australia is so typical for the sad fate of so many Jews. Uncertainty is widespread in the world and everyone can consider themselves lucky if, like the Falkenstein's, they find themselves in relatively safe circumstances. The news from your family made me (not just me, but all of us) very happy. Of the entire family, you and I are certainly the best off in that respect, and we are in fact envied by everyone. Is Ev already learning anything field-specific? Chemistry and the natural sciences? I would be very interested to learn how the pharmacy degree there is structured: I think it is exactly right that the young students there receive grades; in Germany, it has long been recognized that the usual procedure—the student only needs to have their attendance at lectures certified—is not the right way; now, of course, any specialized course of study is secondary; the main thing is "national service." And to you, dear Alfred, congratulations on your promotion! Well, financial success will sure follow soon enough. You do know the story about the company representative and key to the restrooms?—It will happen for your Ludwig too. The main thing is that they—Ilse and Ludwig—are there, and your Muschi grandchild, who must must be such a sweet thing; you sent us a picture of her that one time! We also have a little girl like that here, the daughter of our politician, Liebenstein, who just spent a year in England. The child speaks perfect Hebrew, English, and German! Our boys are both tall for their age—Micha, who is now 9 years old, is 1.37 m tall, and Uri is 1.15 m, also a tall boy for his age. You, dear Käthe, ask about my spoken Hebrew; well, that is the dark spot in my otherwise delightful existence; I have the same problem you have with American English—understanding it, yesa little, but speaking it—no. Maybe I'll learn it yet. The issue mainly that everyone thinks they have to speak German with me, even if it's worse than my Hebrew!—It's Purim right now, when the "Ne'ilah" is recited—which, as you well know, is very long; I am just looking at the bulk of this letter and must say that, in terms of length, it is almost a Ne'ilah of its own!—But enough of that now!

Once again, with warmest regards,Adolf

I am collecting postage stamps for the boys; if you have the opportunity—that is, if you receive letters from abroad (South America)—other than from Germany— would you be willing to send me the stamps from them?