Letter from Annelie Falkenstein to Käte Speier, undated

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Category
Sender(s)
Falkenstein, Annelie
Recipient(s)
Speier, Käte
  Liebe Tante Kaete!

Wie lange wollte ich Dir Deinen so lieb geschriebenen Brief an mich beantworten, ich wollte es damals sofort tun, fand aber nicht die noetige Ruhe um an Dich zu schreiben. Ich habe den Brief immer in meiner Tasche gehabt, damit er nicht rumliegt. Aber leider muss ich ihm doch irgendwie, durch die ganze Raeumerei, mit meinen anderen Postsachen weggelegt haben. Ich bin sicher, dass ich ihn bestimmt finden werde, wenn dieser Brief fort ist. - Ich sitze jetzt in der Naehe von Herbert's Wohnung, passe auf Peter auf, da Anne zur [?] ist. So entschuldige bitte die schlechte Schrift. Ich werde versuchen all Deine Fragen zu beantworten. Vati hat sich, wie wir alle, ins Unvermeidliche gefuegt, es ist Schwer fuer ihn und ich versuche was Kochen etc. anbetrifft, alles zu tun was ich kann. Und Vati hat in der Zeit, wo wir nicht in der Fabrik waren [?] geholfen, aber wenn wir wieder arbeiten gehen, soll er nur weiter die kleinen Jobs [?]. Gesundheitlich geht es ihm jetzt auch ganz [?]. [?] er wollte, daß ich mal zum Doktor gehe, da tat ich das nur unter der Bedingung, daß er auch mal gruendlichst untersucht wuerde. Der Arzt war bis auf Gicht und Rheumatismus mit ihm zufrieden, er braucht keine Diaet halten, nur alles [?] meiden; Leber darf er sogar ab und zu essen.

Ich habe Deinen lb. Brief sehr gut verstanden. Du brauchst Dir keinerlei Gedanken machen, daß ich noch spaeter mit Herbert wohnen wuerde. Das kommt fuer mich gar nicht in Frage.

[?] war auch Annelies Vater da und da sagte er wie schon oefter, daß es ihnen nicht recht sei, daß sie so weit raus ziehen wollen. Sie werden mal nicht umziehen, da sie doch ihr gut gehendes Geschaeft haben und in der Naehe da wohnen. Andererseits koenne er verstehen, daß Herbert nach Brighton ziehen will, aber da doch nun

  II

Mutti nicht mehr ist, waere es ja dann wohl auch nicht so richtig fuer Annelies, die doch jung ist und auch mal außer Haushalt ins Konzert, Kino etc. gehen mueßte. Mutti hatte sogar noch das Grundstueck gesehen. Ja, ich werde mich mit beiden Jobs, die ich habe, nicht sehr kuemmern koennen. Ich glaube, Mutti schrieb Euch mal auf Onkel Alfreds Anfrage ueber Herberts Verhaeltnis zu den Eltern und mir. Seit seiner Verheiratung war das besser geworden, er war vorher sehr ungefaellig und ich glaube der Hauptgrund fuer die Besserung war wohl, daß er fuer Annelies und Verwandte ein nettes zu hause haben wollte. Ich muß sagen, ich stehe mit Wildbergs besser wie mit Herbert. Heute kam mit Annelies auch gerade die Rede darauf und Sie meinte, daß Herbert sich in der Beziehung gebessert habe, obwohl er nie etwas darueber sagte, so fuehle sie das doch [?] nach Muttis Tod. Er laesst es sonst an nichts fehlen, er bezahlt unsere Wohnung, aber Vatis Wunsch ist doch, daß er weiter arbeitet um nicht ganz abhaengig zu sein. Ich verdiene ja leider durch die kuerzere Arbeitszeit recht wenig und Vati nimmt keinen woechentlichen Zuschuß mehr von mir an. So habe ich ihm zu Pesach einen weißen wollnen Pullover fuers Bett gekauft, da er sonst die farbigen traegt und so habe ich mir vorgenommen, ihm immer mal was zu kaufen. Er schimpft natuerlich darueber, hat sich aber mit dem Pullover recht gefreut. Ich waere nicht boese, wann die "40-hours-week" durchgesetzt wuerde; Vati meint die Woche koennte noch weniger Arbeitsstunden haben!! -

Ueber die Ursache von Mutti's Tod weißt Du durch fruehere Briefe Bescheid. Sonst schien Mutti ganz in Ordnung zu sein, sie mußte seit den ersten Jahren unseres Hierseins eine Medizin fuer die Schilddruese, das auch allgemein zum Beruhigen war nebenan, aber seit laengerer Zeit nahm sie kaum mehr ein, da sie gut Schlafen konnte. Ich hatte immer darauf gedrungen, einzunehmen auch etwas fuer die Verdauung zu tun, die wohl nie recht in Ordnung war; aber meistens hatte ich keinen Erfolg damit. Ich weiß, Mutti hatte sich ueber Herberts Betragen sehr gegrauet und wollte immer, daß ich mich nach der Besserung auch   III besser mit ihm stellen sollte. Mir geht es leider wie Du mal von Ilse schriebst, daß sie nie etwas vergessen konnte. Ich hatte schon in Deutschland so meine Erfahrung gemacht und wollte damals keinesfalls Keramik lernen um dann mit Herbert zu arbeiten. Das war das 1. Mal, daß ich das meinen Eltern klarlegte, aber Sie haben mir dann spaeter in Australien erst Recht gegeben. Gerade kurz vor Muttis Operation schrieben Mutti und ich einen Brief an [?] und ich erwaehnte, daß ich nun endlich das geliehene Geld beisammen habe und es, sobald es erlaubt ist, abschicken werde. [?] S.S. [?] Oefen habe ich vekauft, habe noch nicht den halben Preis dafuer bekommen. Ein anderer steht schon 1 1/2 Jahre in einem Depot zum Verkauf. Ich moechte, da ich wohl nie wieder in dem Beruf arbeiten werde, versuchen, auch die andern dazugehoerigen Sachen, los zu werden.

Neulich hat mir Herbert wieder zugeredet, daß ich mir eine hearing-aid kaufen soll. Auch das hatten Mutti und ich besprochen und Mutti hat meine Gruende vestanden. Ich will erst wieder sparen, dann kaufe ich mir eine. Das war an sich einer der tiefsten Gruende, die mich so gekraenkt und sehr verletzt hatten. Er hat meine Schwierigkeit immer sehr leicht gewonnen, so als ob das gar nicht wahr waere. Bis er dann mit Mutti und mir, wegen des Englischen. mit [?] Spezialisten war, der ueber das Gehoervermoegen sehr enttaeuscht war. Was war vor ca. 3 Jahren, als dann die Mandeln entfernt wurden. Seitdem ist es leider, auch durch die Aufregungen der letzten Zeit, schlechter geworden. Ich habe sie schon einen Apparat liegen, aber es macht mich sehr nervoes, ich schrieb wohl frueher mal davon.

Es ist nicht meine Absicht Dir durch diesen Brief das Herz schwer zu machen. Aber da Du mir so lieb schriebst und alles wissen moechtest, habe ich mir mal einen Stoß gegeben.

Ich richte diesen Brief an Dich und moechte Dich bitten wie etwas beim Beantworten davon zu erwaehnen. Vati weiß von allem, worueber ich schreibe, ich gebe ihm aber den Brief nicht zum Lesen.

Nochmals vielen Dank fuer Deine Liebe, innige Grueße und Kuesse Deine Annelie.
German | English (translation)
Dear aunt Käte!

How long have I wanted to reply to your lovingly written letter to me? I wanted to do it right away, but couldn't find the peace and quiet I needed to write to you. I always kept the letter in my pocket so that it wouldn't get lost. But unfortunately, with all the tidying up, I must have put it away with my other mail. I'm sure I'll find it once this letter is gone. I'm sitting near Herbert's apartment now, looking after Peter, as Anne is at [?]. Please excuse my poor handwriting. I'll try to answer all your questions. Dad, like all of us, has resigned himself to the inevitable. It's hard for him, and I'm trying to do everything I can in terms of cooking, etc. Dad helped out [?] while we weren't at the factory, but when we go back to work, he should just continue doing the little jobs [?]. He is now in [?] health. [?] he wanted me to go to the doctor, so I did so only on condition that he also undergo a thorough examination. The doctor was satisfied with him except for gout and rheumatism; he doesn't need to follow a diet, just avoid everything [?]; he can even eat liver from time to time. I understood your dear letter very well. You don't need to worry at all, that I would still be living with Herbert later on. That is out of the question for me.

[?] Annelies' father was also there and he said, as he has often said before, that they don't like the fact that they want to move so far away. They will not move, as they have their thriving business and live nearby. On the other hand, he can understand that Herbert wants to move to Brighton, but now that

II

Mom is no longer around, it probably wouldn't be right for Annelies, who is still young and needs to get out of the house sometimes, to go to concerts, the movies, etc. Mom had even seen the property. Yes, I won't be able to take care of both jobs I have. I think Mom wrote to you once in response to Uncle Alfred's inquiry about Herbert's relationship with his parents and me. Since his marriage, things had improved; he had been very unpleasant before, and I think the main reason for the improvement was probably, that he wanted to have a nice home for Annelies and relatives. I have to say that I get on better with Wildbergs than with Herbert. Today, Annelies and I were talking about this and she said that Herbert had improved in this respect, although he never said anything about it, but that was how she felt [?] after Mum's death. He doesn't let us want for anything, he pays for our apartment, but Dad's wish is, that he continues to work so that he is not completely dependent. Unfortunately, I earn very little due to my shorter working hours, and Dad no longer accepts a weekly allowance from me. So for Passover I bought him a white wool sweater for bed, since he usually wears the colored ones, and I decided to buy him something every now and then. Of course he grumbles about it, but he was really happy with the sweater. I wouldn't be upset if the “40-hour week” were enforced; Dad thinks the week could have even fewer working hours!! -

You know about the cause of Mom's death from previous letters. Otherwise, Mom seemed to be fine. Since the early years of our stay here, she had to take medicine for her thyroid, which also had a calming effect, but she had hardly taken any for a long time because she was able to sleep well. I had always insisted that she take something for her digestion, which was never quite right, but most of the time I was unsuccessful.

I know that Mother was very upset about Herbert's condition and always wanted me to, after the improvement, to try to get

III

along better with him. Unfortunately, I am like you once wrote about Ilse, that she could never forget anything. I had already had my experience in Germany and at that time did not want to learn ceramics in order to work with Herbert. That was the first time I made that clear to my parents, but they later agreed with me in Australia. Just before Mom's operation, Mom and I wrote a letter to [?] and I mentioned that I finally had the borrowed money together and would send it as soon as it was allowed. [?] S.S. [?] I sold the ovens, but haven't even gotten half the price for them. Another one has been in storage for sale for 1 1/2 years. Since I will probably never work in this profession again, I would like to try to get rid of the other related items as well.

The other day, Herbert tried to persuade me again to buy a hearing aid. Mum and I had also discussed this and Mum understood my reasons. I want to save up first, then I'll buy one. That was actually one of the deepest reasons why I was so hurt and very offended. He always won my argument very easily, as if it weren't true at all.

Until he went with Mom and me, because of his English. He saw a specialist who was very disappointed with his hearing ability. That was about three years ago, when his tonsils were removed. Since then, unfortunately, it has gotten worse, partly due to the excitement of recent times. I already have a device for him, but it makes me very nervous; I think I wrote about it before.

It is not my intention to weigh heavily on your heart with this letter. But since you wrote to me so lovingly and want to know everything, I decided to take the plunge.

I am addressing this letter to you and would like to ask you to mention something about it in your reply. Dad knows everything I am writing about, but I am not giving him the letter to read.

Thank you again for your love, warm regards and kisses, Your Annelie.