Speier 1545 B Str. Lincoln Nebr. von Alfred Karger Quito Ciudadela Jardin 41
Liebe Speiers, Ich bin eben auf dem Sprung wieder an die Arbeit zu
gehen, will aber die Absendung des Briefes nicht aufhalten und einige
Zeilen beifügen. Wir haben zwei Briefe von Euch zu erwidern, Ihr könnt
aber glauben, dass, auch von den schweren Erlebnissen der letzten Monate
abgesehen, uns nicht nur Zeit, sondern auch sehr oft Stimmung fehlen. Jetz
fehlt uns Wolfi überall, er hat so viel Leben und Aktivität entwickelt
und war ein so guter, hilfsbereiter kleiner Kerl, ein guter, jetzt sehr
reifer Kamerad für unsern Walter. Es ist eine entsetzliche Krankheit, der
vor kurzem auch Walters "Ferien"chef zum Vorjahr, ein blühender 44 jhrg.
Mann, Vater von 2 kleinen Kindern zum Opfer fiel. Wolfi war nur drei Tage
krank, hatte schwerste Lähmungserscheinung, starb im Bewusstsein des
Todes verklärt, das Schema auf den Lippen,—erschütternd auch für die
Schwestern und den Arzt. Am Tage zuvor hatte er noch entrüstet Bekehrungsversuche zurückgewiesen.—Für Eure teilnehmenden Worte, auch Ilse und
Ev[a] innigen Dank. Mit grossem Bedauern hören wir, dass Sie, lieber Alfred
zu klagen haben, wir wünschen herzlich, dass Sie nicht zu viele Beschwerden
leiden müssen und dass wir im nächsten Brief wieder besseres hören.
Ich kann mir vorstellen, wie sehr Sie unter der erzwungenen Untätigkeit
leiden. Habt Ihr eigentlich von Edith Bericht, hat sich ihr Wunsch nach
einem Kind erfüllt?—Ich muss weg, nehmt alle herzlichste Grüsse; machen
Sie, liebe Käte bald wieder Berichterstatterin!
Ihre Annie
Meine lieben Speiers: Aus Euren lieben Zeilen habe ich entnommen, dass es
Dir, lieber Alfred, nicht gesundheitlich nach Wunsch geht. Ich wünsche Dir
aufrichtig, dass es Dir inzwischen wieder besser geht, sodass Du, wenn Du
Dich auch schonen musst, bald wieder voll tätig sein kannst. Für Eure lieben
Zeilen zum Tode des lb. Wolfi sage ich Euch meinen innigsten Dank. Es
tut einem wohl gerade zu solchen Zeiten bei Verwandten und Bekannten Teilnahme
zu sehen. Der Tod des lb. Jungen kann für uns alle so überraschend, dass
wir es heute noch kaum fassen können, dass er für immer von uns gegangen
ist. Ihr könnt Euch denken, wie dieser harte Schicksalsschlag uns alle arg
getroffen hat und habe ich nur den einen Wunsch für meine Kinder, dass der
liebe Gott ihnen die Kraft gibt diesen zu ertragen. Meine Kinder arbeiten
von früh bis spät, ohne dass ihnen die Arbeit grosse Befriedigung bringt.
Es ist alles hier zu schwer. Mir geht es Gott Lob ganz gut bis auf meine
Augen, die leider wirklich sehr schwach geworden sind. Dass es Euren lb.
Töchtern, sowie Enkelkind und Schwiegersohn gut geht, freut mich sehr.
Hoffentlich könnt Ihr weiter Gutes von ihnen und Besseres von Alfreds
Ergehen berichten. Ich verbleibe mit herzlichen Grüssen für Euch alle Eure
Betty Karger
Liebe Speiers:
Zunächst habt vielen Dank für Eure Zeilen, zwischen
uns bedarf es ja nicht vieler Worte, ich weiss, wie sehr
Ihr immer mit an unserm Leben teilgenommen habt, auch wenn bisweilen
der schriftliche Austausch nicht zu stark war. So hätten wir auch umgekehrt
Euch schon längst zu Eurem Brief v. Sept. geschrieben, wenn nicht
all das durch Wolfis Krankheit und Tod Ausgelöste uns alles Schreiben
erschwert hatte. Wir hoffen zuversichtlich, dass es den Ärzten doch bald
gelingt, Dich, lieber Alfred, wieder voll herzustellen, vor allem die Schmerzen
zu nehmen. All die Wirkungen solcher Operation sind ja erst spät zu
betrachten. Jedenfalls sind wir Euch für schnelle Nachricht jeder Besserung
dankbarst, auch über Edith hätten wir gern Nachricht gehabt. Von Palästina
selbst dauern oft Nachrichten über 3 Monate selbst bei Luftpostbriefen.
Wir schreiben ihr jetzt auch direkt, hoffentlich kommt einer der
Nachrichten an. Unsere Marken sind ja auch etwas verlockendes dagegen.
Hier sammelt alles, denn es gibt ausser Kino kaum Zerstreuung. Eine gewisse
Abwanderung hat denn auch bereits eingesetzt, da die gedruckten Erklärungen
nicht massgeblich sind,—es sei denn, man wolle daraufhin Anleihen
erhalten. Wir freuen uns sehr, dass Ihr alle Euch dort völlig einleben konntet
und vor allem durch Hanna auch immer frisches Leben um Euch habt. Hat
eigentlich Eva durch das Studium angenehme Geselligkeit, fehlen die Männe[r?]
Alfred Karger Quito Ciudadela Jardín 41 Villa Ada Januar 1945
Unser Leben verläuft nach wie vor mit viel Arbeit und eigentlich wenig praktischem
Erfolg. Walter macht da eine glückliche Ausnahme, er ist sehr begehrt und
darum dauernd in Verlegenheit andere Angebote ablehnen zu müssen. Ausserdem hat
er sehr viel durch die Universität zu arbeiten, es gibt richtige Schularbeiten
auf in Mathematik und Zeichnen, das ja für die Ingenieurwissenschaft sehr wichtig
ist, irgend eine Spezialisierung ist hier nicht möglich. Ich selbst habe weiter
an meinem Diktionär gearbeitet. Würdet Ihr so freundlich sein, die beiden
Briefe weiterzuleiten, denn jeder Luftpostbrief ist hier für uns ein Entschluss.
Oft kostet die Beratung weniger als das Porto eines Briefes. Annie arbeitet an
4 Sachen zugleich, hoffentlich hält sie weiter durch. Für mich gibt es ja leider
nicht allzu viel Aussicht noch umzusatteln, man sucht nur junge Menschen, glaubt
eigentlich nicht einmal, dass ich praktisch genug Wendigkeit besitse. Alle Beweise
des Gegenteils aus früherer Zeit wollen die massgebenden Kreise nicht gelten
lassen. Durch unsere Arbeiten leben wir sehr zurückgezogen, Bücher und gelegentliche
Zeitschriften geben aber eine Menge Anregung, sodass wir vielleicht
noch nicht ganz ausgeschaltet wurden. aus dem Weltgeschehen und Erleben. Hoffentlich
gestaltet sich das bald wieder günstig.—Wie Ihr aus der Anschrift ersehen
werdet, mussten wir unsere Wohnung wechseln. Weil nämlich ein Steigerungsverbot
für alte Mieter besteht, kündigen die Vermieter. Der Umzug fand wenige Tage vor
Wolfis Erkrankung statt, er leitete ihn noch mit praktischer Umsicht, wich nicht
vom Wagen, sodass tatsächlich nichts gestohlen wurde, eine Rarität hierzulande.
Wir haben näher an das Zentrum eine kleine Villa, von der wir einige Zimmer
abvermieten konnten, so leben wir nicht allzu viel teurer als bisher. Mama lebt
wenigstens wieder etwas mehr im Freien, geht aber kaum aus. Viel hat sie trotzdem
nicht von allem, denn wir sind sehr viel ausser dem Haus oder Arbeiten, Bekannte
vom Schiff kommen nur noch sehr selten zu ihr, so ist das Leben für sie eintönig,
nicht einmal Patiencen kann sie durch ihre schlechten Augen legen. Die
grösste Abwechslung sind fast die Briefe von draussen geworden. Lasst darum
nicht allzu lang mit einer Antwort trotz aller Arbeit warten. Steht Ihr eigentlich
noch mit Lehmanns und Goldsteins in Verbindung? Viele Grüsse Euch allen
Euer Alfred