Letter from Alfred and Annie Karger to Alfred and Käte Speier, January 1945

Date
January 31, 1945
Format
Category
Places
Sender(s)
Karger, Alfred
Karger, Anna Guggenheim
Sent from
Quito, Ecuador
Recipient(s)
Speier, Alfred; Speier, Käte Blüth
Received at
Lincoln, Nebraska
 
Speier 1545 B Str. Lincoln Nebr. von Alfred Karger Quito Ciudadela Jardin 41

Liebe Speiers, Ich bin eben auf dem Sprung wieder an die Arbeit zu gehen, will aber die Absendung des Briefes nicht aufhalten und einige Zeilen beifügen. Wir haben zwei Briefe von Euch zu erwidern, Ihr könnt aber glauben, dass, auch von den schweren Erlebnissen der letzten Monate abgesehen, uns nicht nur Zeit, sondern auch sehr oft Stimmung fehlen. Jetz fehlt uns Wolfi überall, er hat so viel Leben und Aktivität entwickelt und war ein so guter, hilfsbereiter kleiner Kerl, ein guter, jetzt sehr reifer Kamerad für unsern Walter. Es ist eine entsetzliche Krankheit, der vor kurzem auch Walters "Ferien"chef zum Vorjahr, ein blühender 44 jhrg. Mann, Vater von 2 kleinen Kindern zum Opfer fiel. Wolfi war nur drei Tage krank, hatte schwerste Lähmungserscheinung, starb im Bewusstsein des Todes verklärt, das Schema auf den Lippen,—erschütternd auch für die Schwestern und den Arzt. Am Tage zuvor hatte er noch entrüstet Bekehrungsversuche zurückgewiesen.—Für Eure teilnehmenden Worte, auch Ilse und Ev[a] innigen Dank. Mit grossem Bedauern hören wir, dass Sie, lieber Alfred zu klagen haben, wir wünschen herzlich, dass Sie nicht zu viele Beschwerden leiden müssen und dass wir im nächsten Brief wieder besseres hören. Ich kann mir vorstellen, wie sehr Sie unter der erzwungenen Untätigkeit leiden. Habt Ihr eigentlich von Edith Bericht, hat sich ihr Wunsch nach einem Kind erfüllt?—Ich muss weg, nehmt alle herzlichste Grüsse; machen Sie, liebe Käte bald wieder Berichterstatterin!

Ihre Annie

Meine lieben Speiers: Aus Euren lieben Zeilen habe ich entnommen, dass es Dir, lieber Alfred, nicht gesundheitlich nach Wunsch geht. Ich wünsche Dir aufrichtig, dass es Dir inzwischen wieder besser geht, sodass Du, wenn Du Dich auch schonen musst, bald wieder voll tätig sein kannst. Für Eure lieben Zeilen zum Tode des lb. Wolfi sage ich Euch meinen innigsten Dank. Es tut einem wohl gerade zu solchen Zeiten bei Verwandten und Bekannten Teilnahme zu sehen. Der Tod des lb. Jungen kann für uns alle so überraschend, dass wir es heute noch kaum fassen können, dass er für immer von uns gegangen ist. Ihr könnt Euch denken, wie dieser harte Schicksalsschlag uns alle arg getroffen hat und habe ich nur den einen Wunsch für meine Kinder, dass der liebe Gott ihnen die Kraft gibt diesen zu ertragen. Meine Kinder arbeiten von früh bis spät, ohne dass ihnen die Arbeit grosse Befriedigung bringt. Es ist alles hier zu schwer. Mir geht es Gott Lob ganz gut bis auf meine Augen, die leider wirklich sehr schwach geworden sind. Dass es Euren lb. Töchtern, sowie Enkelkind und Schwiegersohn gut geht, freut mich sehr. Hoffentlich könnt Ihr weiter Gutes von ihnen und Besseres von Alfreds Ergehen berichten. Ich verbleibe mit herzlichen Grüssen für Euch alle Eure

Betty Karger
Liebe Speiers:

Zunächst habt vielen Dank für Eure Zeilen, zwischen uns bedarf es ja nicht vieler Worte, ich weiss, wie sehr Ihr immer mit an unserm Leben teilgenommen habt, auch wenn bisweilen der schriftliche Austausch nicht zu stark war. So hätten wir auch umgekehrt Euch schon längst zu Eurem Brief v. Sept. geschrieben, wenn nicht all das durch Wolfis Krankheit und Tod Ausgelöste uns alles Schreiben erschwert hatte. Wir hoffen zuversichtlich, dass es den Ärzten doch bald gelingt, Dich, lieber Alfred, wieder voll herzustellen, vor allem die Schmerzen zu nehmen. All die Wirkungen solcher Operation sind ja erst spät zu betrachten. Jedenfalls sind wir Euch für schnelle Nachricht jeder Besserung dankbarst, auch über Edith hätten wir gern Nachricht gehabt. Von Palästina selbst dauern oft Nachrichten über 3 Monate selbst bei Luftpostbriefen. Wir schreiben ihr jetzt auch direkt, hoffentlich kommt einer der Nachrichten an. Unsere Marken sind ja auch etwas verlockendes dagegen. Hier sammelt alles, denn es gibt ausser Kino kaum Zerstreuung. Eine gewisse Abwanderung hat denn auch bereits eingesetzt, da die gedruckten Erklärungen nicht massgeblich sind,—es sei denn, man wolle daraufhin Anleihen erhalten. Wir freuen uns sehr, dass Ihr alle Euch dort völlig einleben konntet und vor allem durch Hanna auch immer frisches Leben um Euch habt. Hat eigentlich Eva durch das Studium angenehme Geselligkeit, fehlen die Männe[r?]

 
Alfred Karger Quito Ciudadela Jardín 41 Villa Ada Januar 1945

Unser Leben verläuft nach wie vor mit viel Arbeit und eigentlich wenig praktischem Erfolg. Walter macht da eine glückliche Ausnahme, er ist sehr begehrt und darum dauernd in Verlegenheit andere Angebote ablehnen zu müssen. Ausserdem hat er sehr viel durch die Universität zu arbeiten, es gibt richtige Schularbeiten auf in Mathematik und Zeichnen, das ja für die Ingenieurwissenschaft sehr wichtig ist, irgend eine Spezialisierung ist hier nicht möglich. Ich selbst habe weiter an meinem Diktionär gearbeitet. Würdet Ihr so freundlich sein, die beiden Briefe weiterzuleiten, denn jeder Luftpostbrief ist hier für uns ein Entschluss. Oft kostet die Beratung weniger als das Porto eines Briefes. Annie arbeitet an 4 Sachen zugleich, hoffentlich hält sie weiter durch. Für mich gibt es ja leider nicht allzu viel Aussicht noch umzusatteln, man sucht nur junge Menschen, glaubt eigentlich nicht einmal, dass ich praktisch genug Wendigkeit besitse. Alle Beweise des Gegenteils aus früherer Zeit wollen die massgebenden Kreise nicht gelten lassen. Durch unsere Arbeiten leben wir sehr zurückgezogen, Bücher und gelegentliche Zeitschriften geben aber eine Menge Anregung, sodass wir vielleicht noch nicht ganz ausgeschaltet wurden. aus dem Weltgeschehen und Erleben. Hoffentlich gestaltet sich das bald wieder günstig.—Wie Ihr aus der Anschrift ersehen werdet, mussten wir unsere Wohnung wechseln. Weil nämlich ein Steigerungsverbot für alte Mieter besteht, kündigen die Vermieter. Der Umzug fand wenige Tage vor Wolfis Erkrankung statt, er leitete ihn noch mit praktischer Umsicht, wich nicht vom Wagen, sodass tatsächlich nichts gestohlen wurde, eine Rarität hierzulande. Wir haben näher an das Zentrum eine kleine Villa, von der wir einige Zimmer abvermieten konnten, so leben wir nicht allzu viel teurer als bisher. Mama lebt wenigstens wieder etwas mehr im Freien, geht aber kaum aus. Viel hat sie trotzdem nicht von allem, denn wir sind sehr viel ausser dem Haus oder Arbeiten, Bekannte vom Schiff kommen nur noch sehr selten zu ihr, so ist das Leben für sie eintönig, nicht einmal Patiencen kann sie durch ihre schlechten Augen legen. Die grösste Abwechslung sind fast die Briefe von draussen geworden. Lasst darum nicht allzu lang mit einer Antwort trotz aller Arbeit warten. Steht Ihr eigentlich noch mit Lehmanns und Goldsteins in Verbindung? Viele Grüsse Euch allen

Euer Alfred
German | English (translation)
Speier 1545 B Str. Lincoln Nebr. from Alfred Karger Quito Ciudadela Jardin 41

Dear Speiers, I am just about to head back to work, but I don't want to delay sending this letter, so I am adding a few lines. We have two letters from you to reply to, but you can believe that, even aside from the difficult experiences of the last few months, we not only lack time, but are often not in the mood to write. We miss Wolfi everywhere. He had so much life and energy and was such a good, helpful little guy, and a good, now very mature companion to our Walter. It is a terrible disease, which recently also claimed the life of Walter's “vacation” boss from last year, a thriving 44-year-old man, father of two small children. Wolfi was only sick for three days, had severe paralysis, died fully aware of his coming death, with the shema on his lips—even the nurses and the doctor were deeply moved. The day before, he had indignantly rejected attempts to convert him. Thank you very much for your sympathetic words, also to Ilse and Eva[?]. It is with great regret that we hear that you, dear Alfred, have health concerns. We sincerely hope that you will not have to suffer from too many complaints and that we will hear better news in your next letter. I can only imagine how much you must suffer from your enforced inactivity. Have you heard from Edith? Has her wish for a child been fulfilled? I must go now. Warmest regards to all; dear Käte, please play the reporter again soon!

Yours, Annie

My dear Speiers: From your kind letter, I gather that you, dear Alfred, are not in the best of health. I sincerely hope that you are feeling better now, so that, even if you still need to take it easy, you will soon be able to resume your normal activities. I would like to express my heartfelt thanks for your kind letter regarding the death of dear Wolfi. It is comforting to see sympathy from relatives and acquaintances at times like these. The death of our dear boy came as such a surprise to us all that we still find it hard to believe that he is gone forever. You can imagine how this heavy blow has affected us all, and I have only one wish for my children: that God will give them the strength to bear it. My children work from dawn to dusk, without finding any satisfaction in their work. Everything here is too difficult. Thank God, I am doing quite well except for my eyes, which have unfortunately become very weak. I am very happy to hear that your dear daughters, grandchildren, and son-in-law are doing well. Hopefully, you will continue to report good news about them and better news about Alfred's health. I remain with warm regards for all of you, your

your Betty Karger
Dear Speiers,

First of all, thank you very much for your letter. There is no need for many words between us; I know how much you have always been a part of our lives, even if our written correspondence has not been very frequent at times. We would have replied to your letter from September long ago if it hadn't been for Wolfi's illness and death, which made it difficult for us to write. We are confident that the doctors will soon succeed in restoring you, dear Alfred, to full health, especially in relieving your pain. The entirety of the effects of such an operation can only be assessed in retrospect. In any case, we would be most grateful for quick news of any improvement, and we would also like to hear about Edith. Any direct news from Palestine often takes more than three months to arrive, even by airmail. We are now writing to her directly, and hopefully one of the letters will arrive. Our stamps should be quite the attraction to receive. Everyone is a stamp collector here, because there are hardly any distractions, except the cinema. A certain amount of continued migration away from here has already begun, because the printed permits are not authoritative—except for obtaining a bank loan. We are very happy that you are all settling in well there and, above all, that you always have young life around you, thanks to Hanna. So, does Eva have pleasant company through her studies, is she missing the men[?]

Alfred Karger Quito Ciudadela Jardín 41 Villa Ada, January 1945

Our lives continue to be filled with a lot of work, though all in all with little practical success. Walter is a happy exception; he is in high demand and therefore constantly forced to turn down additional offers for work. He also has a lot of work to do for the university; there is real homework in mathematics and drawing, which is very important for engineering, but no specialization is possible here. I have continued working on my dictionary. Would you be so kind as to forward the two letters, because every airmail letter is a big decision for us here. Often, a consultation costs less than the postage for one letter. Annie is working on four things at once; hopefully she can keep going with that. Unfortunately, there is not much prospect of me changing my field of work; they are only looking for young people and do not even believe that I am flexible enough in practical matters. The relevant potential employers won't accept my previous work as proof to the contrary. Our work means that we live a very secluded life. However, books and magazines provide a lot of inspiration, so that we have not been completely cut off from world events and experiences. Hopefully, things will soon take a turn for the better.—As you can see from the address, we had to move out of our apartment. Because they have a prohibition on rent increases for current renters, the landlords give notice instead of renewing leases. The move took place a few days before Wolfi fell ill, and he managed it with practical skill and never left the moving van out of his sight, so that nothing was stolen, a rarity in this country. We found a small villa closer to the center, and were able to rent out a few rooms, so we are not living much more expensively than before. Mama is at least spending a little more time outdoors again, but she hardly ever goes out. She doesn't get much out of being here, in spite of everything, because we are away from home or at work a lot. People from the ship rarely visit her anymore, so life is not really worth living for her, and her poor eyesight even prevents her from playing solitaire. The letters from abroad have become almost the biggest entertainment in her life. So please don't wait too long to reply, despite all your work. Are you still in touch with the Lehmans and Goldsteins? Best regards to you all.

Your Alfred

Notes

Alfred Karger (1891–1968) was a Jewish lawyer based in Berlin who emigrated to Ecuador in 1941 with his mother Betty, his wife Anna (Annie) Guggenheim and his sons Walter (1926–2012) and Wolfgang, who died of polio in late 1944, as described here. Walter emigrated to the US in 1949 and became a mechanical engineer, eventually settling in Houston, TX. [back]
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