Edith Bloch Kirjath Bialik, den 15.Nov.1944
Hakishon-Str.
Meine Lieben alle!
Als ich Euch das vorige Mal schrieb, hatte ich noch alles vor mir, und
nun ist unser goldiger, kleiner Junge schon 6 Wochen alt. Ich bin so
unbeschreiblich glücklich und dankbar, wie Ihr es Euch gar nicht vorstellen
könnt. Wenn das die Eltern noch erlebt hätten! Nun hoffentlich
werden Jechiels Eltern noch die Freude am Enkelkind erleben! Ich denke
mir, daß Ihr nun gern einige Einzelheiten über die Geburt usw. wissen
möchtet. Ich fange mit der Hauptsache an: alles in Ordnung. Die Geburt
war weder bsonders lang, noch irgendwie kompliziert. Ich
habe am 1.Okt. noch wie gewöhnlich gearbeitet, abends waren wir noch
zum Abendbrot in der Sukkah der Ahawah, obwohl ich schon seit gegen Mittag
spürte, daß meine Zeit gekommen war, gegen 10 fuhren wir ins
Krankenhaus, und um 1/2 8 früh war der Junge da. Ihr könnt Euch nicht vorstellen,
mit welcher Freude dieses Kind von allen Seiten begrüßt wurde,
die ganze Siedlung nahm an unserem Glück teil, es hatten auch so viele
Menschen mit gebangt. Wir hatten hier gerade kurz vor meiner Entbindung
2 Todesfälle von jungen Müttern, eine meiner Arbeitskolleginnen
und eine Nachbarin sind gestorben, das hat uns alle furchtbar bedrückt,
und ich muß sagen, auch mir war nicht immer wohl in meiner Haut, und
wenn Jechiel nicht so wäre, wie er eben ist, so wäre es noch viel, viel
schlimmer gewesen. In der Ahawah war auch große Freude und Überraschung.
Obwohl ich schon beim Abendbrot wehen hatte, hat doch niemand etwas
gemerkt, und beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen wurde die
Geburt unseres Jungen schon allen mitgeteilt. Gabriel -so heißt Euer
kleiner neuer Neffe- wog bei der Geburt 2 3/4 Kilo, inzwischen hat er
es aber schon auf 3 1/2 gebracht. Er sieht vom ersten Moment an seinem
Vater sprechend ähnlich, ich hatte daher auch nie Angst, daß man ihn
in der Klinik etwa verwechseln könnte. Er ist ein goldiges Baby, G.s.D.
sehr kräftig, man hat mir allgemein so ein Kind gar nicht zugetraut.
Seit einigen Tagen beginnt er, ein bißchen in der Babysprache zu reden,
jeder Tag bringt etwas Neues und Schönes. Mich hat eine Bekannte, eine
Nachbarin, in den ersten 14 Tagen sehr hübsch versorgt, da unsere Häuser
so nahe beieinander liegen, konnte sie ihren und unseren Haushalt
zugleich machen, nun habe ich noch stundenweise Hilfe, denn Haushalt,
Baby und Windelwäsche kann ich ja doch nicht bewältigen. Wann ich in
der Ahawah wieder anfangen werde, ist noch ungewiß, im Sommer kann ich
das Kind ja mitnehmen und dort im Garten lassen, aber während der Wintermonate
werde ich irgend eine andere Lösung finden müssen. Ich stille,
aber meine Nahrung reicht nicht aus, so gebe ich bei jeder Mahlzeit
Brust und Flasche. Das Kind gedeiht dabei G.s.D. gut, er wiegt, wie
gesagt, schon über 3 1/2 Kilo, und sieht niedlich und rund aus.
Über Eure Glückwünsche, liebe Falkensteins, habe ich mich riesig gefreut,
man wartet ja bei allen großen Erlebnissen, schönen und schweren,
immer besonders auf ein Zeichen der Verbindung mit seinen Lieben.
Ich hatte in den letzten Briefen schon immer gespürt, wie Du, liebe
Tante Rosa, mit Deinem Denken hier warst, und es war mir sehr lieb, daß
Ihr noch im Laufe des Oktober die Nachricht von der glücklichen Geburt
hattet. Wie geht es Herbert und seiner jungen Frau? Möchten Sie recht
glücklich und zufrieden miteinander leben! Nun wünsche ich nur auch
Annelie einen recht lieben und gütigen Mann, aber lieber abwarten, ich
kann ja aus Erfahrung urteilen, ich habs mir ja auch erwartet!!
den 21.11.44.
den 21.11.44.
so lange bin ich nicht zur Fortsetzung des Briefes gekommen. Heute
hat Jechiel Geburtstag, und zu diesem Anlass habe ich unsern Jungen
zum ersten Male photographiert. Man sagt zwar immer, daß Bilder von
so kleinen Kindern gar nichts wiedergeben, aber ich denke, Ihr freut
Euch doch, unsern geliebten kleinen Buben bildlich kennen zu lernen.
Liese ist seit einen Tag nach dem Brith krank. Sie hatte
erst Typhus, der G.s.D. leicht war, aber nun hat sie eine sehr
unangenehme Komplikation bekommen, eine Entzündung des Ischias-Nerven
Sie hat einen Monat fest zuhause gelegen, das war aber schrecklich
schwer, sie konnte sich nicht rühren und mußte eine Schwester haben,
was nebenbei unheimlich viel Geld kostet. Jetzt ist sie seit ein
paar Tagen im Krankenhaus, und wir hoffen, daß sie dort intensiv behandelt
und recht bald gesund nachhause kommen wird. Susanne hat inzwischen
fast allein Hausfrau gespielt, sie ist in der Beziehung
wirklich ein tüchtiger Kerl, nun erwarten wir aber morgen Frau
Rosenthal (aus Görlitz), die Liese vertreten und nachher noch pflegen
soll. Nun aber Schluß, ich muß das Kind Baden, und der Brief soll weg
Recht, recht herzliche Grüße Euch allen
Eure Edith