E i n-H a r o d,d.25.III 44
A. Fackenheim
E i n - H a r o d
Palestine
Meine Lieben!
Wir schrieben Euch zuletzt ich glaube im Februar u.hoffen, dass dieser Brief
unterdessen bei Euch angekommen ist, so dass wir hoffen können, auch von Euch
bald eine Nachricht zu erhalten. Besonders interessiert es uns natürlich, zu
erfahren, ob Ihr Alle wieder vollständig gesund seid. Vor einigen Tagen erhielten
wir von Egon wieder einen Airgraph-Brief; das ist eine schöne Einrichtung
Egons Brief war nur 6 Tage unterwegs, man kann nur eine Seite schreiben, wovon
eine photograph. Verkleinerung, - etwa ein Viertel der Originalgrösse-so dass
ich ihn nur mit der Lupe lesen kann, von der Post angefertigt wird, die der
Empfänger erhält. Es ist schade, dass USA diese Airgraph letters noch nicht zulässt;
obwohl das Porto zum regelmässigen Briefverkehr zu teuer ist würde man
sie doch ab u.zu anwenden, weil sie schnell u. sicher ankommen. Egon schrieb u.
a, dass er seine Verlobung wieder gelöst habe, was ich für sehr richtig halte,
denn zum Heiraten wird er wohl vorläufig noch nicht kommen können, dazu ist
seine Stellung doch nicht sicher genug, obzwar er wohl augenblicklich gut verdient.
Er schreibt englisch u. meine Sprachkenntnisse gehen nicht soweit, dass
ich den Wortlaut voll erfassen kann, das wenige, was ich konnte, habe ich mit den
Jahren mangels Uebung vergessen u.wieder zu lernen, dazu fehlt mir jetzt das
Gedächtniss u. die Ausdauer. Von seiner Mutter, der l.Reni, schrieb er, dass sie
nach Polen [?] verschleppt sei, nach Allem, was man darüber hörtmuss man auf das
Schlimmste gefasst sein; vor Kriegsende wird man nichts Gewisses erfahren.
Es ist schwer, der Stimmung nicht zu folgen, der man angesichts der fürchterlichen
Verbrechen der Nazi-Ungeheuer unterworfen ist u. ich will deshalb von Erfreulicherem
schreiben. Wir haben jetzt, d.h.seit Anfang dieses Monats Frühling:
eine kurze Zeit, in der herrliches Wetter ist, noch nicht zu warmAlles
grünt u. blüht, Orangen u.Grapfruits sind reif u.fangen zu gleicher Zeit mit de
der neuen Blüte an, bald folgen Apfel, Birnen etc. Aber das dauert nicht lange,
in 3-4 Wochenwird es schon warm u.die üppige Vegetation trocknet wieder ein,
bis auf die Felder u.Pflanzungen die bewässert werden.Es ist die Zeit der
Schulausflüge u.Spaziergänge, Uri ist mit seiner Schulklasse zu einem 3 tägigen
u.Micha geht nächste Woche zu einem 8 tägigen Ausflug; ich mache meine
Spaziergänge am Schabbat, steige aber nicht mehr auf den Gilboa sondern begnüge
mich mit ein- bis 2 stündigen Spaziergängen. Neulich hat mich Benjamin begleitet,
wir sind bis Gewa, einer Siedlung, die etwa 20 Minuten von hier entfernt
ist, gekommen u.dort sagte er, “wir müssen nachhause, ich muss in den Gan”(Kin¬
derhaus); wir waren 1Stunde unterwegs u. den ganzen Weg hat er gesungen u. Blumen
gesucht. Dabei fällt mir ein, Fotos können wir Euch noch nicht senden, aber
damit Ihr Euch einen Begriff von den Kindern machen könnt habe ich ihre Grösse
gemessen: Micha ist 167 ctm, Uri 138 u. Beni 108 ctm.gross. Alle drei sind also
für ihre Jahre grosse, schlanke Jungen. Benjamins Geburtstag ist schon am
vergangenen Schabat im Gan gefeiert worden, daran nehmen immer alle Kinder der
Abteilung ( es gibt einen "roten"u.einen "blauen"Gan )teil, die Geburtstagskinder
haben Kränze auf,, es wird gesungen u.abwechselnd deklamiert, Reigen getanzt
u. schliesslich wird das Geburtstagskind mit seinem Stuhl, auf dem er
sitzt, soviel mal von seinen Eltern hoch gehoben, als es Jahre alt ist, dann wir
gut gegessen, Torte,Kuchen,Konfekt etc. ausser der üblichen Mahlzeit,die das
Abendessen ist u. man geht aus Zimmer, wo in der Familie gefiert wird, die Nachbaren
u. Bekannten gratulieren. Ich hatte ihm dieses Jahr einen Schiebkarren
gebaut, mit dem er sich sehr freut,was er sonst noch bekommen hat, kann Gerda,
die noch schreiben wird,erzählen. Benjamin hatte übrigens in diesem Winter,
Inzwischen war ich zu [?] und habe die [?]
Schwagerin von Ilse kennen gelernt. Der Junge
wird in den [?] [?] Ferien bei uns sein.
16/10 44
Dieser Brief ist heute als
unbestellbar wegen falscher
Adresse zurück gekommen. -Ich
hatte adressiert: A. S. 1254!
B-Street, Lincoln Nebr.
Herzlichst
AF.
als er erkältet war, dreimal richtige Asthmanafälle, der Arzt sagt u. wir hoffen
es sehr, dass sie sich nicht wiederholen, hierzulande soll das oft vorkommen
u.besonders in diesem Winter sind mehrere Fälle in Behandlung gewesen.
Ich musste einige Tage mit schreiben aussetzen, weil die Maschine von Anderen
dringend gebraucht wurde, unterdessen ist Pesach u. Ostern vorbei gegangen,
ersteres wurde in der hier üblichen Weise gefeiert, die ich Euch wohl schon
ausführlich beschrieben habe. Am Seeder-Abend waren wohl mehr als 1000 Personen,
eine Menge Gäste, aus Haifa, Tel-aviv, Jerusalem etc.,es gab sehr gut und
reichlich zu essen, Wein usw; man blieb bis 3 Uhr Nachts zusammen, unser gemischter
Chor sang Chorwerke von Bach, Händel u.a.die ins Hebräische übersetzt
sind, einige Chaverim spielten Geige, Flöte, Klavier-wir haben einen Steckflügel
aus Gotha,.Ich war schon gegen 12 Uhr nachhause gegangen u.hörte trotz
der grossen Entfernung die Singerei u.den ganzen Lärm vom Bett aus u. da einige
in meiner Nähe wohnenden Gruppen in ihrer Wohnung noch weiter feierten, so
war für mich in der Nacht nicht viel zum Schlaf übrig u.es war gut, dass man
sich gegen Morgen ausschlafen konnte.Wir hatten gerade in den Tagen viel Arbeit,
weil unsere Bienen wie jedes Jahr in die Orangen Gegenden verladen wurden.
Gestern ist dort zum ersten Mal (in dieser Saison) Honig geschleudert
worden u. ich bin sehr neugierig, wie das Resultat ist, denn wir gehen in diesem
Jahr mit grossen Erwartungen in die Ernte, aber das Wetter ist nicht günstig;
es hätte einmal kräftig regnen müssen u. dann musste es warm werden, stattdessen
hatten wir wohl einige Chamsimtage aber nur einige Male wenig Regen
u.andauernd kühles Wetter. Die Folge davon ist, dass die Blüten keinen oder
nur wenig Nektar haben. Man muss warten, wie die ganze Ernte ausfällt.
Hoffentlich trifft Euch dieser Brief, an den Gerda noch anschreiben wird,
wie ich schon Eingangs erwähnte bei guter Gesundheit u. wir hören bald wieder
von Euch.. In dieser Erwartung bleibe ich mit herzlichsten Grüssen an
Alle Euer
[?]
Meine Lieben!
Es ist eine eigenartige Sache geworden mit dem Briefschreiben: Monate
vergehen ehe man voneimander hört,-dann vergisst man, was man im letzten
Brief geschrieben hat u.weiss nie, ob er ankommt oder nicht.
Ich bin augenblicklich Strohwitwe:Schlot ist seit ein paar Tagen zu einem
8tägigen Zahnärzte-Kurs nach Jerusalem gefahren, danach wird er noch
ein paar Tage in Tel-aviv sein, auch Dr.Nossbaums in Pardess Chanah besuchen
u.so ca 14 Tage unterwegs sein. -- Wie geht es Euch Lieben alle, besonders
gesundheitlich? Klein Hannele ist nun auch schon ein grosses Mädel !
Ist Eva mit ihrem Beruf zufrieden ? Die Kinder wachsen so schnell
ran, daran merkt man, dass man älter wird ! Ich feiere auch schon meinen
40ten Geburtstag !d.h.feiern werden wir erst, wenn Schlot zurück kommt.
Vater schrieb Euch ja die Grössenmasse der Kinder; siescheinen uns alle
über den Kopf zu wachsen; Micha ist 1/2 Kopf grösser als wir u. auch Uri u.
Beni sind gross für ihr Alter. Micha ist schon tüchtig beschäftigt.Unsere
Schule ist eine sogen.Aufbauschule,d.h.Aufbau des Landes; 9 Jahre lernen
sie voll,d.h.täglich 6 Stunden.Das 10.u.llte Jahr,in denen sie auch landwirtschaftliche
Fächer erlernen, ist ein halbes Schuljahr; im Sommer,z.Zt
der Ernte u.des grössten Bedarfs an Arbeitskräften arbeiten die Schulkinder
u. im Winter holen sie das halbe Jahr nach. Micha arbeitet auch jetzt
nach den 6 Schulstunden täglich 2 1/2 Stunden u. da er auch eine Menge Schularbeiten
hat u.diese so gründlich u.gewissenhaftmacht,so ist er meistens
bis Abends 10 Uhr beschäftigt.-- Während ich schreibe wird im Chadre-Ochel,
das unserm Zimmer gegenüber liegt,gesungen u.getanzt: ein Junge
aus Ein-Charod hat ein Mädel aus Tel-Joseph (der Nachbar-Kwuzah) geheiratet;
erst war die Feier in der Familie u.dann ist die ganze Jugend zum
Tanzen ins Chadre-Ochel gezogen! -- Ich kann mich nicht erinnern (Altersschwäche!),
ob ich Euch in meinem letzten Brief von unserm Besuch bei Eurer
Nichte Edith erzählt habe.Ich war nach dem Ableben Eurer 1.Schwester
noch nicht dort gewesen u.hatte mir schon lange vorgenommen, sie zu besuchen.
Wir kamen Nachmittags an u.schliefen sogar Nachts dort; so lernten wir
auch Ediths Mann kennen, der uns sehr gut gefiel. Ein ausserordentlich gebildeter,
feiner u. höflicher Mensch; für unsern Geschmack ist er vieleicht
ein bissel zu sehr der Typ des deutschen Oberlehrers. Aber sie sind sehr
glücklich miteinander u.er ist ausserordentlich fleissig, jede freie Stund
gibt er Unterricht. Diese Woche sprach ich hier die Frau des augenblicklichen
Leiters der Ahawa, die ihn sehr schätzen. Uebrigens erzählte sie mir
dass Edith schwanger sei u.da sie schon einmal eine Kippe hatte, die ganze
Zeit liegen müsse. Inzwischen ist das Kind schon da.
Bei uns ist Alles beim Alten; da wir sehr beschäftigt sind -Schlot mit der
Praxis u.ich im Kuhstall -vergeht die Zeit im Fluge! Der Krieg ist schon
im 5. Jahr u.man weiss noch nicht, wann er zu Ende geht. Wenn man täglich
liesst, welches Los die zurückgebliebenen Juden haben, muss man froh sein,
dass man mit seiner Familie zusammen leben kann. So oft denke ich an Tante
Reni u.an Alle, die noch dort sind!
Lasst bald mal von Euch hören! Wir freuen uns so mit jedem Brief.
Tante Käte! Erinnerst Du Dich an Dein braunes Kleid, Seidenkrepp, innen
glänzend, aussen stumpf, mit rosa verarbeitet? Das habe ich mir jetzt ein
sehr nettes Kleid draus arbeiten lassen! So guten Stoff bekommt man doch
hier nicht; da lohnt sich so etwas mehr als ein neues Kleid .--
Also! Alles Gute! Herzlichst
Eure Gerda!
[?], das Dein Geburtstag, lb. Tante Käte,
[?] Herzlichste Glückwünsche