COUNTY HOME AND CHRONIC DISEASE HOSPITAL SPRINGFIELD PIKE, HARTWELLCINCINNATI, OHIOCHAS. A. Neal, MD.D. SUPERINTENDENTCOUNTY COMMISSIONERSC. R. CAMPBELL JNO. F. LAMBERT CHARLES G. MERRELLden 14. Dezember 1938Meine Lieben,
mein Warten auf Nachricht von Eisenach wurde heute belohnt und ich will Euch gleich das wesentliche davon mitteilen. Meine Flugpostkarte wird Euch indessen die Antwort bezüglich der Affidavitfrage schnellstens gebracht haben. Wann kam sie an? Ich möchte nochmals betonen, wie hochanständig es von Euch und Euern Verwandten ist, den Lieben in dieser schweren Zeit wahre Freundschaft zu bezeugen. Ich bin gewiss, dass die l. Eltern Eure Nachricht über die abgesandten Affidavits als Freudenbotschaft aufnehmen und ruhiger in die graue Zukunft sehen. Wie ich schon schrieb, werden die Greebels auch ein Affidavit für die Eltern geben. Das wird genügen. Ihre Adresse ist: Adolph Greebel, 36 Mentelle Park, Lexington, Ky. —Vorerst bestätige ich mit herzlichem Dank Eure so überaus aufschlussreichen Zeilen. Ich habe heute nach Hause geschrieben und Euerm Wunsch, Stillschweigen über Eure Bürgschaft zu bewahren Nachdruck verliehen. Zur Klarstellung der Sachlage möchte ich nur betonen, dass zur Zeit als Egon seinen Antrag machte, Berlin keine Anträge annahm. Zu dem Plan mit Stuttgart ist nur zu sagen, dass ich nicht wollte, dass Egon sich damit abgab, wie die l. Mutter in ihrem Brief andeutete. Dass Ihr so rasch von dem Ableben des l. Onkel Julius hörtet, zeigt, dass einzelne Briefe "verloren gehen". Nach den Angaben der Eltern ist es sogar so mit den Briefen in Deutschland. Alle Briefe werden anscheinend gelesen. Ich kann nicht begreifen, dass Onkel auf dem Weg vom Kz. starb, wahrscheinlich hat man nachgeholfen, wie man das so häufig hört. Von Dr. Wachtel, dem ich Fritzens Schicksal mitteilte, berichtete folgende grausige Geschichte: SA sei in das Krankenhaus eingedrungen und hätten die Kranken aus den Betten gejagt. Dabei sei die Wunde des armen Fritz aufgeplatzt und er sei an diesen Folgen gestorben. Man kann sich diese sadistische Scene ausmalen. Was hilft es, man kann gerade so gut mit den Kopf gegen die Wand rennen. Dabei muss man auch hier vorsichtig sein, es gibt genügend Stimmvieh hier.
Egon schreibt über seine Pläne, sobald als möglich herauszugehen. Ev. Heiratet er Erna, will aber voerst nachin Berlin anfragen, ob dieser Weg aussichtsreich ist. Angeblich hat er sich in diesem Monat bez. Heirat zu entscheiden. Man kann ihm nicht dreinreden, wenn man ihm nichts Besseres bieten kann.
Er fürchtet noch für sein Leben und das schreibt auch die l. Mutter. Deshalb will er versuchen, in ein Zwischenland zu gehen und dort seinen Untersuchungstermin abzuwarten. Das ist eine gute Idee—Dr. Wachtel riet das auch Alice—aber wie soll er das finanzieren und wohin soll er sich wenden? Ich werde mich bez. Kuba umsehen, Palästina käme auch noch in Betracht. Was meint Ihr dazu? Er ist noch immer stark erkältet, wie er schreibt, sie fühlen sich noch immer wie ein gehetztes Wild. Päpchen war noch ganz gelähmt von den Schreckensnachrichten, über die er nur äusserte, dass der l. Onkel das bessere Los gezogen hätte. sie wissen nicht, wo sie eine Behausung herkriegen, da sie Luisenstr. 1 bald verkaufen müssen. Es ist doch zu schade, dass es keinen Krieg gegeben hat, dann wären wenigstens alle drüben kaputt gegangen und sie wüssten wenigstens wofür. Von hier wären gewiss auch eine Menge mitgegangen, um diese Kulturschänder in einer für sie verständlichen Tonart zu belehren.—Grace hat sich bez. Egon an einen Ohio Kongressmann gewandt, für die l. Eltern habe ich um ein Gleiches von den Gr. erbeten, ferner für alle ein Bevorzugungsvisum ausgemacht, das direkt nach Washington gegangen ist.
Wie Ihr Euch denken könnt, bin ich nur mit halben Kopf bei meiner Arbeit. Aber das ist voll und ganz ausreichend. Ich kenne schon die "ropes" hier. Es ist so einfach, da keiner sich hier überarbeitet, welcher Unterschied gegenüber einer privaten Institution! Glücklicherweise habe ich für den 1. Juli eine Anstellung an dem Chicago Maternity Center bekommen. Das ist die beste und kürzeste, die man haben kann. Alle Entbindungen sind im Haus, wie ich es in einer Kleinstadt Praxis bekommen werde. Ich fange am 1. Juli an für 3 Monate und werde dann hoffentlich bis Anfang Oktober in Illinois einen Platz zum Starten haben. Die einzige Abwechslung, die ich hatte, bestand im Konzert, wozu ich Billets geschenkt bekam. Die Feiertage werden sicher sehr ruhig und ev. mit Besuch von Lexington vor sich gehen. Ich muss ja jetzt dopplett sparen, trotzdem ich mal etwas aus der wenig erheiternden Umgebung heraus muss.
Nun wünsche ich Euch noch recht geruhsame und schöne Feiertage. Es hilft für uns nichts, den Kopf hängen zu lassen, das Leben hier geht weiter. Zur Erinnerung an mich lege ich für Euch ein Bild von mir bei, das im letzten Jahr aufgenommen ist. Leider kann ich nicht mehr als mich selbst geben.
Bleibt alle recht gesund und nehmt beste Grüsse von Euerm getr.Gerd
Bitte übermittelt meinen herzlichsten Dank u. die besten Feiertagsglückwünsche an Eure Verwandten.
COUNTY HOME AND CHRONIC DISEASE HOSPITAL SPRINGFIELD PIKE, HARTWELLCINCINNATI, OHIOCHAS. A. Neal, MD.D. SUPERINTENDENTCOUNTY COMMISSIONERSC. R. CAMPBELL JNO. F. LAMBERT CHARLES G. MERRELLDecember 14, 1938My dears,
My wait for news from Eisenach was rewarded today, and I want to share the essentials of it with you right away. By now, however, my airmail postcard should have reached you with a prompt answer regarding the affidavit question. When did it arrive? I would like to emphasize once again how truly decent it is of you and your relatives to demonstrate such true friendship to our loved ones during these difficult times. I am certain that our dear parents will receive your news regarding the sent affidavits as good news and will look toward the bleak future with greater peace of mind. As I have already written, the Greebels will also provide an affidavit for the parents. That will suffice. Their address is: Adolph Greebel, 36 Mentelle Park, Lexington, Ky.—For now, I just wish to acknowledge with heartfelt thanks your extremely informative letter. I wrote home today and put strong emphasis on your request that silence be maintained regarding your sponsorship. To clarify the situation, I merely wish to point out that at the time Egon submitted his application, Berlin was not accepting any applications. Regarding the plan involving Stuttgart, I need only say that I did not want Egon to trouble himself with it, as our dear mother had already indicated in her letter. The fact that you heard so quickly about the passing of dear Uncle Julius shows that individual letters do indeed "get lost." According to my parents, this is actually the situation regarding mail in Germany: apparently, every single letter is being read. I cannot fathom that Uncle1 simply died while being transported from the concentration camp; in all likelihood, they "helped things along"—as one hears happens so often. Dr. Wachtel—to whom I had confided the details of Fritz’s fate—recounted the following gruesome story: members of the SA reportedly stormed into the hospital and dragged the patients out of their beds. In the process, poor Fritz’s wound burst open, and he subsequently died from the complications. One can easily picture this sadistic scene. But what good does it do? You might as well just bang your head against a wall. Even here, however, one must be careful; there is plenty of mindless rabble among the voters here.
Egon writes about his plans to get out as soon as possible. He might marry Erna, but for the time being, he wants to make inquiries in Berlin to see whether this path holds any promise. Apparently, he has to make a decision regarding marriage this month. One cannot interfere in his affairs unless one can offer him something better.
He still fears for his life—and our dear mother also reports the same. Therefore, he intends to try to go to a third country and wait there for his appointment for the medical exam. That is a good idea—Dr. Wachtel advised Alice to do the same—but how is he to finance this, and to what country should he turn? I will look into options regarding Cuba; Palestine might also be a possibility. What do you think? He is still suffering from a severe cold, as he writes; they still feel like hunted prey. Dad was utterly paralyzed by the dreadful news, regarding which he merely remarked that our dear uncle had drawn the better lot. They do not know where to find housing, as they will soon have to sell Luisenstraße 1. It really is a pity that there was no war; then, at least, everyone over there would have perished—and they would at least have known what for. A great many people from here would surely have gone along, too, to teach those desecrators of culture a lesson in a language they could understand.—Grace has contacted an Ohio Congressman on Egon’s behalf; for the dear parents, I have requested the same assistance from the G. family; furthermore, I have filled out the forms for a priority visa for all of them, the application for which has gone directly to Washington.
As you can imagine, I am only half-heartedly focusing on my work. But that is more than sufficient. I already know the "ropes" here. It is so easy, since no one here overworks themselves—what a difference compared to a private institution! Fortunately, I have secured a position at the Chicago Maternity Center starting July 1st. It is the best and shortest assignment one could hope for. All deliveries take place in-house—just as I shall experience in a small-town practice. I start on July 1st for a three-month term, and then, hopefully, by early October, I will have found a place in Illinois to launch my career. The only diversion I’ve had was a concert, for which I received complimentary tickets. The holidays will surely pass very quietly—perhaps with a visit from Lexington. I really have to be doublly frugal right now, even though I do need to get away from this rather uninspiring environment every once in a while.
For now, I wish you all a truly peaceful and wonderful holiday season. It does us no good to hang our heads; life here goes on. As a keepsake, I am enclosing a photograph of myself, taken last year. Regrettably, I have nothing more to give than myself.
Please stay healthy and accept these kind regards from your faithfulGerd
Please convey my warmest thanks and best holiday wishes to your relatives.
Notes
1. Fritz Lorch (1881–1938) was the husband of Egon and Gehard Eckmann's sister Alice Eckmann Lorch (1899–1953). Fritz was killed during Kristallnacht (November 9-10, 1938) in a hospital in Fürth, Germany, where he was recovering from an operation. Alwin Eckmann's brother Julius (1871-1938) had been arrested but then released, dying on his return from Buchenwald concentration camp on November 26, 1938. Alice left with her son Ernst for the U.S. in April of 1939 and settled in Indianapolis, Indiana. Alice later married Mike Hirschfeld. [back]