Meine Lieben,
ich möchte den Brief nicht ganz ohne meine Anschrift absenden,
obwohl es mir z. Z. mächtig schwer wird zu schreiben. Ich kann mich,
wenn ich überhaupt schreibe, nicht nur auf Phrasen beschränken, aber
wie es mir wirklich zumute ist, läßt sich schwer schildern. Es gibt
vielerlei Probleme für mich, die Ehe mit Gerhart betreffend, persönlicher
u. wirtschaftlicher Natur. Er ist noch nicht vorauszusehen, wie sich die
ganze Sache entwickeln wird, vorläufig steht die Existenzfrage im
Vordergrund. Es erscheint mir fast unmöglich zu heiraten, ehe auch nur
das bescheidenste Existenzminimum vorhanden ist, schließlich können
wir ja nicht alle von LP G.--- leben. Ich habe große Bedenken, wie
sich unter solchen Verhältnissen ein Zusammenleben gestalten kann, das
sowieso Schwierigkeiten persönlicher Art genug bringen wird. Daß G. ohne
alle geldlichen Mittel hier ist, wißt Ihr ja, u. sein Vorzeigegeld hat er
erst vor ca. 1/2 Jahr gemeldet, so ist mit einem Transfer nicht mehr zu
rechnen.—Ich schrieb Euch dies, damit Ihr seht, daß ich keine Wand zwischen
uns aufrichten will, wie sie ja durch langes Schweigen unweigerlich entsteht.
Ich bitte Euch aber, nicht über diese Dinge zu sprechen, ja sie auch nicht in
einem Durchschreibbrief zu erwähnen, da ich nur Euch davon gesprochen habe.
Und nun zu Euch. Vor allem Dir, lieber Onkel Alfred, meine
besten Wünsche zum Geburtstage. Wie sehr ich Dir wünsche, daß sich Deine
Zunkunft schön gestalten möge u. daß es in Deiner Macht stehe, die Zukunft
Deiner Lieben schön zu gestalten, das kann ich garnicht sagen. Bleibt alle
gesund, freut Euch, daß Ihr zusammen u. draußen seid u. erlebt recht viel
Freude an der geliebten, kleinen Muschi.
Herzliche Grüße Euch allen. Eure Edith.
Meine Lieben!
Ich sehe soeben aus Ediths Zeilen, daß sie sich
Euch gegenüber mal richtig ausgesprochen hat!
Es ist sehr, sehr schade, daß sie nicht so ganz
befriedigt ist,—ich hätte ihr so von Herzen eine
wirklich schöne und glückliche Verlobungszeit
gewünscht! Ihr könnt Euch wohl denken, daß
ich mir oft große Sorgen mache, daß es
mir schwer ums Herz ist, weil ich fühle und
sehe, daß manches anders sein müßte! Dabei
habe ich die feste Zuversicht, daß Gerhardt
vorwärtskommen wird, denn er ist fleißig und
versteht sein Fach, auch charakterlich ist er
unbedingt zu bejahen. Aber trotz alledem
kann Edith nur allein entscheiden, denn
in solchen Dingen darf man nicht raten!—
Schreibt doch mal Eure Meinung, Ihr Lieben,
aber wenn möglich extra für uns beide
bestimmt,—schade genug, daß wir nicht
mal persönlich über so etwas reden können!
Für heute nun nochmals viele, viele Grüße Euch allen von Eurer Euch liebendenElsa