Nr. 3
Berlin Schöneberg 5. April `39
Mein lieber Junge!
Dein Brief 2 v. 25.3., aufgegeben am 28. 3. ist heute eingetroffen und wir haben uns sehr mit den Ausführungen gefreut. Inzwischen hast Du wohl von uns Nr.1 und 2. erhalten und daraus ersehen, auf welche Nachrichten wir besonders warten. Dass Du es schwer hast, um etwas zu finden, hast Du und wir gar nicht anders erwartet, aber Du darfst den Mut nicht verlieren, einmal wird es auch werden und wenn Du erst etwas hast, dass Dir Aussicht bietet auch weiter zu kommen, dann ist es doppelt befriedigend. Es ist im Falle Rudi Goldschmidt bestimmt ein Fehler, dass Du geschrieben hast, dort musstest Du hingehen, das ist etwas ganz anderes. Sollte er abschreiben, so meint Alfred sollst Du trotzdem hingehen, denn er kann bestimmt etwas für Dich tun.
Ich war sofort beim Kraftverkehrsamt, aber leider ohne Erfolg. Weder der Schein noch eine Bescheinigung war zu erhalten. Wo hast Du denn die Fotokopie? Meine Autosache ist erledigt und gestrichen worden. Onkel Adolf hat heute sofort an Emma Dr. geschrieben und sich ein Empfehlungsschreiben für Dich an Herrn Loewe erbeten und zwar von seiner Schwester, der Frau Dr. Levy. Ganz besonders freuen wir uns, dass Du mit der Sprache so gute Erfolge und keine Schwierigkeiten hast. Ich will hoffen, dass es bei dem Stopfen der Strümpfe bleibt. Sehr originell muss Deine Hilfe in der Wirtschaft bei Tante Betty sein. Dr. Lehmann hat nicht gekündigt und so läuft der Vertrag 3 Jahre weiter und Seifert bekommt keine Wohnung im Hause, er hat sich auch gar nicht dafür interessiert. S. schrieb mir nur, dass er jetzt Aussicht hat, bald das Haus zu bekommen, also muss ich abwarten.
Nun will die gute Muttel schreiben und ich hoffe recht bald gute Nachrichten von Dir, mein lieber Mr. Henry W. Wald, zu haben.
Mit den herzlichsten Grüßen an alle Lieben und Bekannten von Dir,
Dein Vater
Am 21.4. hat Onkel Adolf Geburtstag
Mein dear Henry!
Dein lieber Brief hat uns sehr erfreut, keep smiling, my dear boy, Du bist ja mit nicht zu großen Erwartungen nach N.Y. gekommen, also musst Du auch Geduld haben, auf den ersten Hieb fällt kein Baum. Ich bin sehr glücklich, dass Du Gossmanns hast und sie alle so gut zu Dir sind. Unseretwegen kannst Du beruhigt sein, es geht uns gut, sowie wir besseres Wetter haben werden, gehe ich mit Vatel täglich spazieren. Die Hausarbeit schaffen Tante Hanna und ich am Vormittag und den Nachmittag haben wir für uns. Ich lerne jetzt mit meiner Nähmaschine arbeiten, das macht mir Spaß. Gestern Abend war Frau Plocki bei uns, ihrem Mann geht es etwas besser. Sie hofft, dass sie im Juli ihre Reise antreten können. Heute Abend sind wir bei Gossmanns, Onkel Hugos Schwägerin, Alfreds Freund schrieb aus Bulaw., es wäre eine herrliche Stadt, viel schönes wie die Union und auch die Umgebung ist herrlich. Vor Mai wird’s ihnen kaum möglich zu reisen.
Das americanism wirst Du schon noch herausbekommen, aber auch der englische Akzent schadet nichts, es gibt genug english people in den USA, die auch so sprechen. Mit gleicher Post geht eine Kostprobe Lindt an Tante ab, bitte um Bestätigung. Herzliche Grüße allen lieben Gossmanns, Dir mein lieber Junge viele Grüße und Küsse, alles Gute innigst
Deine Muttel.