Mein geliebter Junge!
Herzlichen Dank für deine lieben Zeilen, die uns sehr erfreuten, wie immer, dass es Dir gut geht. Wir sind gesund und munter und das ist Dir wohl das Wichtigste zu hören. A. und Suse flogen vorige Woche davon. Wir waren auf dem Flugplatz, der Abschied dort ist ja sehr kurz, denn wenn sie durch die Sperre sind, kann man sich nur noch sehen. Man verliert, angesichts der großen Maschinen jedes Angstgefühl. Die Maschine war holländisch und fasste 18 Personen. In Amsterdam hatten sie 35 Min. Aufenthalt und sprachen Tante Emma und Sohn. Am 1.5. treten sie ihre Ausreise auf der Wanwick Castle an und sind am 20.5. in Durban. Natürlich war uns allen der Abschied schwer, trotz aller Argumente. Ich werde auch noch einmal an Benny schreiben, obwohl ich fürchte nichts mehr von ihm zu hören. Von Frau Rosenhahn haben wir öfter Berichte, in G. ist alles in Ordnung. Martha ist wieder in den Haushalt gegangen und Herrn Hein, dessen Frau kürzlich starb, die hatten Humpels Schwester. Zum 50. Geburtstag haben wir Martha einen schönen, großen, modernen Nähkasten geschenkt aber noch keinen Bescheid. Hilde und Messow gehen am 19.5. nach Shanghai und wir sind jetzt öfter mit ihnen und L.’s zusammen. Gestern waren wir bei Ackermanns zum Kaffee. Heute sind wir bei Lessers, wir unterhalten uns nett und so verleben wir unser Rentner-Dasein.
No. 11
In dieser Woche gehen Tante Hanna und ich in einen Koch-Kursus, zur Vervollkommnung, ich halte das für uns Frauen am wichtigsten. Eine kleine Gewissensfrage, mein lieber Junge, hältst Du auch Kamm und Bürste schön in Ordnung? Habt ihr Pfingsten dort auch zwei Feiertage?
Richard H. erwartete die Kinder in London. Riff kann dort nicht Fuß fassen und will später auch noch in die States gehen. Dass Dir english so recht in Fleisch und Blut übergegangen ist, ist doch recht gut, umso schneller wirst Du a perfect Yankee. Vatel will auch noch Stoff zum Schreiben haben, also höre ich auf.
Herzliche Grüße und viele Küsse,
in Liebe innigst,
Deine Muttel
No. 11
30.5.39
Mein lieber Junge!
Muttelchen hat mir allen Stoff schon weggenommen, da wir ja naturgemäß nur dasselbe berichten können, so ist es, wenn man den Frauen den Vorrang lässt. Mit der beiliegend abgebildeten Maschine sind unsere beiden abgeflogen, sie waren auf die Minute in L. gelandet, heute Abend werden wir sie das letzte Mal telefonisch vor ihrer Ausreise sprechen. Es freut mich, dass Päckchen 1-4 angekommen ist. No. 5 mit den Rasiersteinen ist wohl inzwischen auch angelangt. Wenn Benny kommen sollte, dann gehe aufs Ganze, jetzt so oder so. Wenn Du durch den Abgang des Packers Vorteile haben solltest, so wird uns das sehr freuen, aber Prokurist wirst Du wohl doch nicht gleich werden.
Plocki geht es jetzt besser, er hofft Mitte Juli aus dem Krankenhaus zu kommen. Der kranke G. kann nun jetzt von seinen Angehörigen alle 14 Tage besucht werden und Mitte August hoffen die Ärzte, dass er die schwere Krankheit überwunden hat und wieder gehen kann. Sage dies auch Peter.
Mit freundlichen Grüßen und Küssen,
Dein Vatel