Mein lieber Junge!
Schönen Dank für Brief No. 19. Tante Betty berichtete uns einige Tage vorher
von dem frohen Ereignis und wir gratulierten beiden Familien sofort. Wir hätten
gern für die jüngste Miss G. ein Kleidchen geschickt, erkundigten uns aber beim Konsulat und hörten, dass der Zoll so hoch ist, die Hälfte des Wertes, da macht ein solches Geschenk keine Freude mehr. Vielleicht sagst Du es mal, wenn Du dort bist. Vatel macht der Kursus viel Freude und er hat uns schon einiges Schöne hergestellt. Geschickt und zuverlässig, exakt und ordentlich, wie alles bei ihm, fein ettikiert sieht alles aus.
Ich habe einen conversational circle angefangen, der mich sehr interessiert.
Die Teilnehmer sprechen alle ganz gut, haben nur für meine Begriffe eine sehr schlechte Aussprache. Es wird nur englisch gesprochen, übersetzt, debattiert, Diktat. Ich glänze noch nicht als Beste, aber es wird schon noch werden.
Morgen besucht uns Martha, für sie bestimmt ein großes Ereignis. Wir werden
ihr vieles zeigen, was wir uns sonst bestimmt nicht ansehen würden, mal eine Dampferfahrt, etc. Onkel Lothar ist in Abano, ob mit oder ohne Anhang wissen wir nicht, jedenfalls soll man davon nichts nach Bern schreiben. Von Suse wirst Du gewiss bald selbst hören. Von dort kann sie noch nicht viel berichten, da sie erst 10 Tage da sind.
Hoffentlich hast Du an Onkel George geschrieben. Übereile Dich nicht mit
einem neuen Job, denn es ist ja wichtig, dass Du Dich bei einer neuen Position auch sicher fühlst. Also warte noch ab, bis Du etwas Geeigneteres hast.
Warum bist du so froh, dass Marga weg ist, warst du oder sie enttäuscht? Fritz Brauer hatte eine schwere Mittelohr-Eiterung und ist operiert worden,
wahrscheinlich so wie Vatel hinterm Ohr. Anus hatte am 16.7. Geburtstag. Margot hat ihr Permit nach England und geht mit dem nächsten Kinder-Transport ab.
Herzinnige Grüße und Küsse,
in herzlicher Liebe innigst
Deine Muttel
Nr. 19
19.7.39
Mein lieber Junge,
Deine Muttel war sehr beunruhigt, weil Dein Brief 19 zwei Tage später kam als
sonst. Aber es ist eine sehr gute Frau und kocht jetzt ganz herrlich. Ich würde Dir auch raten, mit dem Wechseln der Stellung noch zu warten, denn die erste muss etwas an Zeit länger sein, sonst kann man annehmen, dass Du nicht aushältst. Eine solche Telefonsache hatte Onkel Lothar s. Zt. in Paris, dies ist sehr gut, ich glaube aber sehr schwer und nur für jemanden, der nicht bei den ersten Misserfolgen den Mut verliert. Schade, dass wir an Hans nichts schicken können, aber es könnte ihn durch den Zoll verärgern. Mein Junge, ich muss für die Brille trotz allem die Pupillenweite haben, sonst klappt es bestimmt nicht. Onkel Adolf meint, Du sollst an Daniel nochmals schreiben und ein frankiertes Rückkuvert beilegen. Was war bei Herrn Haas?
Augenblicklich haben wir eine enorme Hitze. Heute kommt Martha zu Besuch, sie
schläft schon seit Tagen nicht, wegen der Aufregung nach Berlin zu fahren.
Herzliche Grüße und Küsse,
Dein Vatel