Nr. 22
31.7.39
Mein lieber Junge!
Dein Geburtstagsbrief No.21 kam pünktlich an und Muttel freute sich sehr,
obgleich sie etwas enttäuscht war, denn sie hatte auf ein Bild von Dir
gerechnet. Ich möchte nun gern die Brille bestellen und warte noch immer auf die Pupillendistanz, bitte erledige dies doch, da sonst nachher Differenzen sind. Mein lieber Heinz, ich habe so einen leisen Verdacht, dass Du z. Zt. ohne Stellung bist, bitte gib darauf wahren Aufschluss, denn es ist doch besser, dass wir alles wissen. Ich braue jetzt für die Verwandtschaft Liköre und werden dieselben allerseits anerkannt. Ich bin wieder ganz in die Materie eingearbeitet und wünschte nur hier in dieser Branche irgend eine Beschäftigung zu bekommen. Seifert hat sich zur Übernahme des Hauses trotz Aufforderung noch nicht gemeldet. Ich warte noch einige Tage, dann werde ich ihm mitteilen, wenn er den Kaufvertrag nicht erfüllt, muss ich das Haus an Dr. N. verkaufen. Wir haben einen Brief an Rosenthal geschrieben, bitte teile uns die Adresse mit, die ich nicht habe. Deine alten 2 Paar weißen Socken habe ich Dir geschickt.
Sonst gibt es hier nichts Neues. Wir sind alle auf dem Posten.
Bleibe gesund und sei herzlichst gegrüßt und geküsst.
Dein Vatel
Mein lieber Junge!
Deinen lieben Geburtstagsbrief über Onkel Lothar erhielt ich und danke
Dir herzlichst für Deine lieben Zeilen, über die ich mich sehr freute. Der Tag
verlief programmiermäßig, zum Kaffee und Abendbrot waren Adolf und Martins bei
uns und wie immer waren wir gemütlich zusammen. Ich bekam viel feuerfestes
Geschirr, da ich nun wirklich gern koche, ein amerikanisches Kochbuch, worin ich mich erst vertiefen muss.
Auch von Susel und Alfred hatte ich rechtzeitig einen Brief. Es geht ihnen
auch so, wie Du meinst, sie müssen
erst langsam erfühlen, was das richtige für sie sein wird. A.’s Stellung ist wahrscheinlich nur ein Übergang. Susel schreibt, auch dort sagen alle, don’t worry, don’t hurry, don’t trouble, und ähnliches. Dieses Tempo muss man erst erlernen. Vorläufig bleiben sie noch im Hotel wohnen. Suse hatte bis vorige Woche noch keine Nachricht von Dir. Sie fing vorige Woche bei einer Konfektionsfirma an zu arbeiten und wird uns weiter berichten. Alfred interessiert sich für Vertretungen, falls Du mal etwas hörst, was sich für den Export eignet. Emma L. Dr. geht Mitte August nach N. Seeland, Lottchen erwartet Familienzuwachs. Hanni Stein hat sich in Jerusalem verlobt mit einem Ungar, der jetzt Schutzmann ist. Richard Stein kann nicht so recht Fuß fassen in London. Von Brauers hörte ich noch nichts. Margot geht demnächst nach Glasgow, wo der Günther ist. Ihre Mutter wünscht es, so eine tapfere Frau. Irma schrieb mir, sie ist zwar zur Zeit an der See, aber ihre wilden Zöglinge machen ihr das Leben schwer, überall ist ein Haken. So große und gewichtige Sandwiches von 450g kenne ich allerdings nicht. In England kennt man nur ganz dünne Schnittchen.
Alles Gute, my dear boy, sei innigst gegrüßt und geküsst von Deiner,
Dir guten, Muttel
Tante Hanna lässt vielmals grüßen.