Nr. 25
16.8.39
Mein lieber Junge!
Recht so, selbstverständlich, würde Martin Lachmann sagen, dass Du in N.Y. es
noch mal versuchst. Ich hatte Dir ja in meinem Brief 24 darüber meine Ansichten
geschrieben und stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, dass trotz aller Überfüllung in N.Y. dort immer bessere Chancen sein werden, als in einem mittleren Ort. Die Arbeitszeit ist ja etwas sehr reichlich, aber auch das wird sich wohl in einiger Zeit ändern. Ich freue mich sehr, dass Du Dich in eine andere Branche wagst, bedenke ich habe Destillateur, dann Spedition gelernt, bin dann in eine Spiritus und Hefe Fabrik gegangen, dann in eine Mühle, wieder als Destillateur, dann habe ich Ansichtskarten verkauft, wurde Reisender in Zigarrenspitzen, reiste in Teppichen und wurde dann Textileinzelhändler. Du siehst, ich habe mich acht mal gewandelt und nie den Mut sinken lassen, dazu hatte ich noch den Mut zwischendurch Deine Muttel zu heiraten, dies war meine neunte Stellung; auch die war für mich neu und ich musste mich erst einarbeiten. Wenn Dein Boss nur etwas von seinen Versprechungen hält und Du Dich einarbeitest, dann kann ich später die Liköre und Fruchtsäfte brauen, Muttel macht die Salate und Sandwich. Essen und Trinken ist immer eine gute Branche. Die Mutter von Alice, Frau Farci, ist gestorben, ich war gestern wegen Schäfers zur Beerdigung. Farci war schon ein Jahr in Jugoslawien, sie kam her um sich die Zähne machen zu lassen und bekam eine Sepsis. Alice ist Dame, man kann sagen mehr Halbweltdame geworden, vollständig hellblond. Die Beerdigung war katholisch, da alle vor einem Jahr wegen Jugo. katholisch geworden waren.
Auf Dein Bild freuen wir uns sehr. Von Hans habe ich noch immer keinen Brief
bekommen. Die Haussache geht nun seinem Ende entgegen. Wir erwarten Deine
weiteren Nachrichten mit Spannung.
Irmas Adresse ist: J. P. Glasgow E 1, c/o Mr. Dr. John O’Hara
3 Oakley Terrace. Wir wohnen Schöneberg 1 nicht 4.
Herzliche Grüße und Küsse,
Dein Vatel
Mein lieber, lieber boy,
Du wiegst uns schon tüchtig flour, sugar, und anderes, doch hauptsächlich hat
man dort wohl Konserven. Mir würde diese Branche auch liegen. Lebensmittel sind immer gut und hoffentlich klappt der Laden. Was verstehst Du unter Union Mann? Du hast ganz recht, versuche erst noch dies, das andere bleibt Dir noch immer.
Tante E. sieht hier alle Katscherer und wir haben viel Besuch, aber auch das
geht vorüber. Früher waren hier auch die Geschäfte so lange auf, man konnte das nicht anders und es ging auch. Wir sind gesund. Von Suse und Alfred haben wir nichts Neues, wie schon berichtet, gehört.
Also bei Deiner alten Firma wäre es ja sowie nun vorbei gewesen, also sollte
es so sein. Ich freue mich sehr auf Dein Photo. Soeben ist Frau Proskauer bei uns, Rudi P.’s Mutter, und zeigt uns wunderbare Bilder aus Gisborne, Neu Seeland, das muss ein herrliches Land sein.
Frau P. fährt Mitte Sept. nach dort.
Wir schreiben Dir immer, was wir in der neuen Woche erleben, manchmal ist’s
mehr, manchmal weniger.
Messows haben schon aus Shanghai geschrieben, es geht ihnen leidlich.
Nun mein guter Junge, alles, alles Gute, leb’ wohl,
innige Grüße und Küsse,
in Liebe Muttel.