21.8.39
Mein lieber Junge!
Dein lieber Brief hat uns sehr erfreut, d.h. wir bestätigten ihn schon, müssen aber doch
schreiben, da das Schiff abgeht. Es tut mir ja leid, dass Du so schuften musst, aber vielleicht kannst Du es Dir doch anders gestalten, wenn Du mehr eingearbeitet bist. Uns geht es gut, wir verleben gemütliche Tage auf dem Balkon mit Tante Else. Wir haben sehr warme Tage, mittags 30 Grad im Schatten und finden das sehr heiss. Ich denke dann an Dich und die Kleine, die in der Mittagsglut zu Tisch gehen muss.
Wir bemühen uns für Vertretungen für Alfred, doch es wird eine geraume Zeit dauern, bis er das
Richtige gefunden hat. Hast Du die kleine Anne Mary Gossmann schon gesehen? Suse verdient 7 M. den Monat, aber die Hauptsache ist doch, dass sie experience sammelt, wie dort so ein Betrieb gehandhabt wird. Willi und Hilde schreiben aus Shanghai, dass es dort unglaublich heiss wäre. Ein Shanghai Dollar ist 20 Pfennige. Messow hat noch keine Arbeit gefunden. Sie wohnen nicht im Massen-Lager, und das ist schon ein großes Glück.
Vorige Woche war Vatel zu Frau Farcis Beerdigung. Frau Schäfers Schwester, die schon 1 Jahr in
Jugoslawien lebten, sie kam hierher zu einer Zahn-Behandlung und bekam eine Lepsis. Die Beerdigung war katholisch, da alle vor einem Jahr übergetreten waren. Alice ist aus diesem Anlass hellblond geworden. Ich grüße und küsse Dich vielmals, mein lieber Junge, alles Gute, in inniger Liebe,
Deine Muttel
Nr. 26
22.8.39
Mein lieber Junge
Wir haben seit Deinem Brief 24, den ich mit No. 25 bereits beantwortet habe, keinen Brief erhalten und denken morgen einen zu bekommen. Da aber heute Post abgeht, so schreiben wir. Hast Du Deine 2 Paar weiße Socken bekommen? Nächste Woche fahre ich das letzte Mal nach Großröhrsdorf und übergebe an S. das Haus.
Die gute Muttel hat sonst alles geschrieben.
Für heute also herzliche Grüße und Küsse,
Dein Vatel
Lieber Heinz !
Ich bin hier auf Sommerfrische, genieße die gute Luft auf dem Balkon. Vormittags helfe ich Mutter
in der Küche. Wir gehen wenig aus, waren nur zweimal bei Lachmanns, ich fühle mich am wohlsten zu Hause. Mein Bekannten besuchen mich, heute kommen Fr. Cohn und Katscher und ihre beiden Schwestern übern Abend zu uns. Von Irma habe ich soweit keine Nachrichten. Sie hat jetzt zu viel Arbeit und will wechseln, geht lieber in einen Haushalt ohne Kinder. Wir haben schönes Wetter. Deine neue Branche finde ich sehr gut. Gegessen wird immer und ich glaube, Du wirst Dich schnell einrichten. Donnerstag werde ich einen Professor wegen meines Leidens konsultieren, hoffentlich kann er mich von den Schmerzen befreien.
Bleib gesund, lieber Heinz, alles gute und recht herzliche Grüße von
Tante Else.