no. 41
2.1.40
Mein geliebter Junge.
Am Sylvester kam Dein Brief 42 vom 17.12. an und wir freuten uns über den schönenund originellen
Anfang desselben, aber ich dachte mir gleich, dass Du mit diesemGeschichtchen etwas Unangenehmes
verkleiden wolltest. Es ist ja sehr schade, dass DuDeine Stellung aufgeben mußtest, aber auch in diesem Falle verliere nicht den Kopf unddenke immer an mich, es wird schon wieder werden. Bei der Sache verstehe ich nur einesnicht. Wenn selbst die Prozesse mit dem Unionmann etwas gekostet haben, so kann diesdoch nicht wesentlich sein, dass Dein Chef deshalb finanziell nicht mehr weiter kann,oder musste er durch das Urteil die Läden aufgeben? Walter L. schreibt gerade an Plocki,dass er jetzt eine fabelhafte Tätigkeit hat, aber wenn er diese einmal verliert, so muss ereben wandern. Ich halte es daher für richtiger, dass Du in N.Y. bleibst, denn wenn Duauch eine Position verlierst, so hast Du doch mehr Aussicht wieder schneller etwas zubekommen, als in der Provinz. Ich freue mich, dass Du den Posten als Reisenderangenommen hast und zweifle nicht daran, dass Du bei Fleiss und Ausdauer vorwärtskommen wirst, denke nur an mich. Ich habe, als ich vom Militär kam und nichts findenkonnte, mit Ansichtskarten eine Stadtreisenden Stelle angenommen und habe mich auchdurchgeschlagen, dann versuchte ich es mit Cigarrenspitzen und ging mit sehr gutem Erfolge auf Reisen. Du tust mir leid und wie gerne möchte ich Dir beistehen, denn ichkenne Dich und weiß, dass Dich die ganze Sache sehr mitnimmt, aber wie gesagt, Kopfhoch, Du wirst vielleicht noch manche schwere Prüfung in dieser Beziehungdurchmachen müssen. Plocki sagt mir eben, Du sollst zu seinem Bruder dem Arzt gehen,dieser hat erst kürzlich jemanden in einer bedeutenden Papierwarenfabrik untergebracht.Deine gute Sprache wird Dir ja immer gut zu statten kommen. Margot L. ist erst am 6.12.dort angekommen und wird Dich vielleicht noch nicht gefunden haben, weil sie nurDeine erste Adresse hat. Sie wohnt 233 West 99th Str. bei Schönholz. Ebenso hat DeinFreund Bara auch nur Deine erste Adresse. Von Suse und Alfred haben wir eben einenBrief vom 1.12. erhalten. Sie schreiben aber, dass sie von uns seit Oktober und ebensovon Dir keine Nachricht erhalten haben. Es ist mir dies unverständlich, denn, wenn Postherkommt, müßten sie doch auf demselben Wege auch unsere und Deine Postbekommen. Dieser Brief ist mit 3 Serienmarken 10.30.50. und der Reichsparteimarke 6 frankiert. Die Marken klebe ich immer besonders fest, also Vorsicht beim Ablösen. Washörst Du von Lothar, leider werde ich mit ihm nicht mehr fertig. Also, nun hoffe ich, dassDu recht bald wieder die Position hast, die Du Dir wünschst und wünsche Dir ein gutesund für Dich zufriedenstellendes neues Jahr. Bleib gesund und nur Mut.
Herzliche Grüße und Küsse,
Dein Vatel
Irma hat Deinen Brief bekommen.
Mein guter Junge!
Alles Gute für 1940, Du bist ein Sonntagskind und wirst auch weiter Glück haben, ichbin
felsenfest davon überzeugt. Es tut mir sehr, sehr leid für Dich, dass Du so vieldurchgemacht hast,
ich kenne Dein Naturell und weiß, wie Dir so etwas nahe geht, aberhoffentlich klappt es mit der
neuen Stellung und man weiß nie wozu es gut ist. Sind dieGeschäfte verkauft worden oder liquidiert? Wir warten nun sehr gespannt auf Deinennächsten Brief. Lebensmittel, finde ich, ist eine sehr gute Branche, wenn Du dabeibleiben kannst, wäre es sehr gut. Wir sind gesund und es geht uns allen gut. Tante Elseschreibt uns, Herbert Brauers Eltern haben seit Monaten keine Nachricht von ihnen undsie sind sehr traurig darüber. Sylvester schliefen wir hinüber, wie gewöhnlich. Ich hörtejetzt, dass jemand, der gute Pralinen macht, alles Handarbeit, drüben ein sehr gutesGeschäft damit macht. Ich hätte große Lust es noch zu erlernen, was meinst Du dazu?
Mit gleicher Post schreiben wir an Tante Betty und gratulieren. Hast Du eigentlich einmal Zieglers
gesprochen?
Hoffentlich hast Du aus Californien eine Antwort bekommen. Deine Arbeitszeit wird janun auch leichter sein, auch wenn Du keine Stellung hast kannst Du es uns ruhigschreiben, es ist ja verständlich. Solltest Du den Vertreter-Posten angenommen haben, ziehe Dich nur immer recht proper an, Du weißt, man muss Eindruck machen, wenn man Offerte macht. Habt ihr es jetzt sehr kalt dort?
Leb wohl und sei innigst gegrüßt und geküsst,
viel Glück im neuen Jahrin
inniger Liebe,
Deine Muttel
Tante Hanna, Tante Emma und Onkel Adolf, Martin Lachmann lassen herzlichst
grüßen.