Nr. 63
28.6.40
Mein lieber Heinz!
Dein Brief Nr. 66 ist in unserem Besitz, auch 65, es fehlt von Dir also nichts. Ich hoffe, dass Du
inzwischen auch Brief 56 erhalten hast, denn gerade in diesem schrieb ich Dir über die amerikanische
Quote, ich beantworte Deine Fragen immer sofort. Soweit ich orientiert bin, wird unsere Nummer 55000
voraussichtlich im Frühjahr 41 aufgerufen werden. Ich habe nicht die Absicht Dich irgendwie zu
drängen, dass wir zu Dir kommen, aber ich muss annehmen, dass es bis zur Aufrufung unserer Nummer
vielleicht schon zu spät sein wird noch nach dort zu kommen, deshalb bitte ich Dich, wenn möglich
alles recht bald in die Wege zu leiten. Ich habe gehört, ob es sich bestätigt weiß ich von hier aus
nicht, dass, wenn Du eine Amerikanerin heiratest, Du in einigen Monaten Amerikaner wirst und uns
dann außerquotlich anfordern kannst. In jedem Falle wäre es aber für uns vorteilhaft, wenn wir die
Unterlagen zur Auswanderung recht bald in den Händen haben. Selbstverständlich weiß ich genau, dass
Du alles in Deiner Macht liegende für uns tun wirst und überlasse Dir das zu tun, was Du tun kannst
und willst. Über Deine sonstigen Mitteilungen haben wir uns sehr gefreut und es ist natürlich, dass
wir jetzt nicht nur an Dich, sondern auch immer an Goldy denken und Goldy zu unserer Familie gehörig
rechnen, das kannst Du ihr sagen. Hanni war 14 Tage bei uns und hat ihre Angelegenheiten erledigt,
heute ist sie wieder nach Hause gefahren. Wir schreiben regelmäßig alle acht Tage und zwar immer am
Freitag abgehend. Nun erwarte ich von Dir nähere Mitteilung, was und wie Du die Sache mit unserer
Auswanderung zu machen gedenkst.
Mit den herzlichsten Grüßen und Küssen an Dich und Goldy,
Dein Vatel
Mein guter Junge!
Recht gefreut habe ich mich mit Deinen lieben Zeilen, die mich außerordentlich unterrichtet haben.
Ich hatte schon gehört über die Mentalität der Amerikaner, Du als junger Mensch tust recht, Dich
daran zu gewöhnen und Gefallen daran zu finden, uns wird das schwerer fallen, aber in unseren 4
Wänden werden wir wohl doch die alten bleiben. Vatel lernt sehr gut die Pralinen-Macherei, in
Lincoln soll schon jemand sein, der dieselbe Schule hatte und das ausübt. Hoffentlich hat Frau
Gossmann, Alfreds Frau, Dir schon geschrieben. Vergiss bitte nicht zu Mary Anns Geburtstag, Anfang
Juli zu gratulieren. Tante Hanna und Lachmanns lassen vielmals grüßen, Du wolltest doch einmal an
sie schreiben. Tante Else hört jetzt nichts von Irma, wie mag es Margot Brauer gehen?
Ich grüße und küsse Dich innigst, my best love to Goldy,
Euch alles, alles Gute,
wünschend in inniger Liebe,
Eure Muttel.