Mein lieber Heinz!
Sehr gefreut haben mich Deine beiden Briefe, in der vorigen Woche, dass Du gesund bist und es Dir
gut geht. Hoffentlich hast Du ein schönes Wiedersehen mit Goldy gefeiert und es gab keine
Enttäuschung, beiderseits. Wir sind gesund, ebenso Lachmanns und die kleine Tante. Falls Du Suse
sprichst, sage ihr, dass auch geht es uns allen gut. Hoffentlich ist bei Euch die große Hitze nun
vorbei. Hörst Du mal was von Gossmanns, wir haben gar keine Nachricht. Sehr nett wär’s für Dich, mit
Deinem Bekannten zusammen zu wohnen, seine Mutter wird bestimmt gut für Dich sorgen. Leider hat Suse
immer noch nicht geschrieben und ich bin so begierig zu hören, wie es ihr und ihrem Mann geht.
Leb wohl, mein liebes Kind,
bleib gesund, ich grüße und küsse Dich,
Deine Muttel.
70
16.8.40
Mein lieber Junge!
Bei Abgang meines vorigen Briefes kam gerade Dein Brief 74 an. Nun hast Du ja inzwischen wieder
Deine Goldy und ich will hoffen, dass alles in bester Ordnung ist. Ich lerne fleißig
amerikanisch-englisch, wenn es mir auch etwas schwer fällt, aber es wird schon werden. Konfektmachen
übe ich, soweit ich kann zu Haus, jetzt nimmt Muttel auch noch mal einen Kursus und ich mache sehr
schöne Sachen, die allgemein Anklang finden. Ein Vetter von mir, er heißt Jacques Rosental, hat den
in Fotokopie beiliegenden Brief dieser Tage erhalten. Der Brief ist unverständlicher Weise als
gewöhnlich und nicht eingeschrieben gegangen, daher brauchte er 10 Wochen. Seine Tochter lebt mit
ihrem Mann in Texas. Die National Refuge Service befasst sich erstens mit der Vervollständigung der
Affidavits, zweitens stellt sie, nachdem die Affidavits in Ordnung sind und ausreichen, die
Passagegebühren sicher. So berichtet die Tochter von meinem Vetter an ihn. Den Namen vom
Affidavitgeber, außer der Tochter und Schwiegersohn habe ich auf seinen Wunsch weglassen müssen.
Sieh nun zu, was für Dich dort herausschaut, in Omaha ist auch einer der Herren ansässig. Bestätige
mir den Erhalt dieses Briefes mit den Einlagen, ich habe noch eine zweite Kopie. Die Leute haben
einen großen Fehler gemacht, indem sie nicht vorher von den Affidavits Kopien machen ließen, dadurch
hat mein Vetter nichts in den Händen und läuft jetzt hier herum, um die Papiere ausfindig zu machen,
was ihm bis jetzt noch nicht gelungen ist. Das amerikanische Konsulat lehnt zur Zeit alles ab und
gibt nur in ganz wenig Fällen das Visum, doch hoffen wir, dass sich dieses bald ändert, da ein neuer
Konsul in Kürze kommt. Dass Lothar Dir nun alle Sachen herausgegeben hat, freut mich, von Graetzer
musst Du sie auch bekommen, sie will bloß nicht. Ich werde gern hören, dass Du mit Deinem Freund und
seiner Mutter eine angenehme Wohnung hast.
Herzliche Grüße und Küsse in Liebe, auch für Goldy,
Dein Vatel.