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1.11.40
Mein lieber Junge!
Diese Woche haben wir noch keine Nachricht von Dir. Anbei sende ich eine Geburtsurkunde, ein
Duplikat kommt mit dem nächsten Brief. Mein lieber Heinz, ich bin überzeugt, dass Du alles tust, um
uns bei Dir zu haben und es wohl zur Zeit nicht möglich ist. Wir wollen unter den bescheidensten
Verhältnissen leben, aber den einzigen Wunsch, den Muttel und ich noch haben, ist mit Dir zusammen
zu sein. Hoffentlich erleben wir es noch. Ich möchte gern die Adresse Deiner Firma haben, es ist
immer besser man hat zwei Adressen von Dir, ebenso habe ich keine Adresse, d.h. die neue von Suse,
vielleicht kannst Du mir die Straße, wo sie jetzt wohnt mitteilen. Ein Tag vergeht für uns wie jeder
andere, nur kommen Zeiten, wo wir uns unendlich nach Dir sehnen. Am 24.11. hat Onkel Hugo
Geburtstag, ich glaube er wird 75, weiß es aber nicht genau.
Korrespondierst Du mit Hans? Seit August vorigen Jahres betreue ich seine alten Tanten und mache
ihnen alles, das kannst Du ihm sagen, falls Du mal hinkommst.
Nun sei herzlichst gegrüßt und geküsst,
von Deinem Vatel.
Mein lieber guter Junge!
Hoffentlich bist Du wohl und munter und geht es Dir gut. Wir sind gesund. Die Mutter deines
Freundes kann ich nicht verstehen, statt alles zu tun, um möglichst ihrem Sohn zu helfen, hat sie
scheinbar noch nicht genug gelernt, solche Menschen gibt es halt auch. Ich lerne ganz nach
amerikanischem Stil sprechen. Aussprache, Sitten und Gebräuche, die Dame bei der ich den Zirkel
habe, ist eine vorzügliche Lehrerin für amerikanisch englisch. Scheins und Lubras schreiben manchmal
aus Dresden, aber gesehen haben wir uns nicht wieder, auch sie sind alle gesund, ebenso Schäfers.
Lachmanns und Tante Hanna lassen auch vielmals grüßen. Sie lesen Deine Briefe immer mit dem größten
Interesse. Mit Muttel Brauer stehe ich in Korrespondenz, sie hört nur Gutes von ihren Kindern und
das ist ja auch für die alte Dame richtig, sie hat ein wenig Freude daran, helfen kann sie den
Kindern doch nicht.
Ich grüße und küsse Dich innigst,
bleib gesund,
in Liebe,
Deine Muttel.