Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mr. Henry W. Wald 311 North 18th Street Lincoln – Nebraska USA
Nr. 94
31.1.41
Mein lieber Junge!
Wie ich Dir in meinem Brief 93 schrieb, kam Dein Brief 92 gerade an, als ich mit meinem Brief fertig war. Inzwischen ist Dein Brief 94 vom 9.12. eingetroffen, es fehlt also 93. Da die Post zu Dir jetzt direkt so lange geht, schicke ich diesmal diesen Brief über Süd-Amerika, da man mir gesagt hat, dass dies bedeutend schneller gehen soll und bitte ich mir daher das Datum des Eingangs zu bestätigen. Eine Kopie werde ich trotzdem das nächste Mal mitsenden. Deine Anfragen wegen unserer Nummer habe ich bereits erledigt und zwar habe ich Dir darüber in meinen Briefen vom 2.12. und 17.1. ausführlich geschrieben, aber da Du diese anscheinend noch nicht hast, so wiederhole ich heute alles. Das amerikanische Konsulat ruft jetzt immer die Zahlen öffentlich auf und es geht jetzt wieder bedeutend schneller, zur Zeit ist 48.300 aufgerufen, doch wird in diesem Quotenjahr bis Ende Juni noch eine Anzahl aufgerufen. Es ist daher nach meinen Informationen damit zu rechnen, wenn nicht besondere Ereignisse eintreten, dass unsere Nummer in der zweiten Hälfte dieses Jahres aufgerufen wird. Von zuverlässiger Seite ist mir auch nach den gemachten Erfahrungen geraten worden, dass nur Dein Affidavit direkt an das Konsulat, Fotokopie an mich geht, während Zusatzpapiere, auch die Originale, wenn es geht, an mich gehen. Der hiesige Konsul legt augenblicklich mehr Wert auf Affidavits von verheirateten Söhnen, als von unverheirateten, aber das kann man ja nicht ändern. Es werden augenblicklich täglich circa 30 Visen erteilt, Bedingung ist natürlich, dass alle Papiere in Ordnung sind und Passage nachgewiesen wird. Wegen der Passage kann ich Dir aber nötigenfalls durch den Hilfsverein kabeln, wenn sonst alles in Ordnung ist. Ich bin ja nun begierig zu hören, was Du bei Dave erreicht hast. In einem früheren Brief schreibst Du einmal von Deinem früheren Chef im Cafe, dass er Dir sagte, wenn Du einmal ein Problem hast, sollst Du Dich an ihn wenden. Hast Du dies in dieser Sache versucht, oder ist es aussichtslos? Alfred G. hat nun, obgleich es sehr kostspielig ist, für seine Mutter die Einwanderung nach Cuba erreicht und dies ihr dieser Tage durch Kabel mitgeteilt. Wie er es gemacht hat, weiß ich nicht, jedenfalls rechnet Clara mit Abreise im Februar/März. Dass Hans Dich, wo es Dir nicht gut gegangen ist, unterstützt hat, ist sehr anerkennungswert, ich würde gern hören, was er Dir monatlich gegeben hat. So viel Schnee wie dort haben wir hier nicht. Es ist zwar seit einigen Tagen kalt, zwischen 15-20 Grad, aber wenig Schnee. Über Deine Corsage für die Dame habe ich mich amüsiert, richtig übersetzt heißt das doch Büstenhalter. Ich bin fest davon überzeugt, dass Du in unserer Auswanderungssache alles tun wirst, was in Deiner Kraft steht und wünsche Dir viel Glück hierzu. Hast Du Dich auch schon an die dortige Gemeinde gewendet? In kleineren Städten hörte ich schon, dass so etwas möglich ist. Auf dem heutigen Brief sind zwei neuere Marken vom Tag der Briefmarke und Führer/Duce, hoffentlich kommen sie an.
Nun bleibe gesund und sei herzlichst gegrüßt und geküsst,
Dein Vatel.
Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mr. Henry W. Wald 311 North 18th Street Lincoln – Nebraska, USA
Mein guter Junge!
Sehr gefreut habe ich mich mit Deinem letzten Brief, Vatel bestätigte ihn Dir schon. Es ist sehr nett, dass Du Bälle, etc. nachholst, hoffentlich hast Du Dich gut amüsiert. Das so frühe Aufstehen fällt Dir wohl nicht mehr so schwer, es ist alles eine Gewohnheit und geht alles, wenn es sein muss. Beim Übersetzen ist es doch die Hauptsache, dass der Sinn der Richtige ist und ich bemühe mich immer so kurz und prompt wie möglich zu übersetzen, was der Lehrerin sehr gut gefällt. Mein lieber Junge, mache Dir keine Sorgen um unsere Zukunft, wir sind beide, Vatel und ich glücklicherweise gesundheitlich so auf der Höhe, dass wir uns bestimmt noch etwas verdienen können. Wichtig ist ja, dass man die Sprache kennt, ich hörte, dass Frauen als Haushaltshilfe auch stundenweise fast immer gute Beschäftigung finden. Auch das würde mir nicht schwer fallen, denn ich bin jetzt gut trainiert, mir ist nicht bange, Du weißt mein guter Junge, in Punkto Arbeit kannst Du Dich auf Deine Eltern verlassen. Hier geht alles seinen Gang, wir sind gesund, sind 1-2 mal die Woche mit Lachmanns zusammen, denen es auch gut geht. Am 15.2. sind alle bei uns zu Vatels Geburtstag. Morgen, den 1.2. wird Suse 26 Jahre, hattest Du etwas mit ihnen, dass sie Dir gar nicht schreiben? Der älteste Tworoger ist in Chicago Arzt, Angestellter im Krankenhaus, es geht ihm sehr gut. Tante Betty will immer, dass Hans bewundert wird, dass er so vielen hilft. Es ist ja auch wirklich staunenswert, dass er noch so viel Zugehörigkeitsgefühl hat, viele haben es sehr schnell verloren. Ist Claire Amerikaner?
Nun grüße und küsse ich Dich innigst, Dir alles, alles Gute wünschend, viele Grüße von Lachmanns und Tante Hanna,
innigst, Deine Muttel.