Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mr. Henry W. Wald 311 North 18th Street Lincoln–Nebraska
Nr. 108
20.5.41
Mein lieber Heinz!
Ich habe mit meinem Brief wieder 2 Tage länger gewartet, da ich erst Deine Nachricht abwarten wollte. Am 19. kam Dein Brief vom 27.4. An Deinem Geburtstag hatten wir alle Lachmanns zum Kaffee und haben besonders viel an Dich gedacht. Am Sonntag war Muttertag, auch dies war für uns Veranlassung an unserer Kinder noch mehr als sonst zu denken. Was Lothar Dir über das Depot schreibt, nämlich dass er es aus gesetzlichen Gründen nicht stellen kann, glaube ich nicht recht. Aber wenn es so ist, so sieht er ja, dass er sich nach den dortigen Gesetzen richten muss, und ich will und kann ihm meine Schuld nur nach den hier bestehenden Gesetzen zurückzahlen, aber damit ist er nicht einverstanden und glaubt ich will ihn schädigen. Er ist von mir noch nie um einen Pfennig übers Ohr gehauen worden, dies ist ein Hirngespenst von ihm, er hat außerdem in den Jahren an Zinsen von mir soviel bekommen, dass diese Summe nachweißlich ¾ des gesamten Kapitals beträgt. Was will er eigentlich? Trotzdem ist das Depot für uns sehr wichtig. Ich warte täglich auf den Rest aller noch nötigen Papiere von Dir, das Depot und von Deinem Chef. Es ist ja sehr schön, dass ich einen Teile Deiner Papiere hier habe, aber ich kann, bevor alles komplett ist, nichts anfangen und jeder Tag Verzögerung bringt mir einen Zeitverlust von Wochen. Du musst nämlich wissen, dass es jetzt nicht so einfach ist, als Du seiner Zeit ausgewandert bist, es sind jetzt größere Schwierigkeiten zu überwinden. Das Schwerste ist die Beschaffung, nicht Bezahlung der Passage. Bekomme ich die Papiere von Mr. Hill im Original an mich, so habe ich auch dadurch einen sehr großen Zeitvorsprung. Gehen diese Papiere aber direkt an das Konsulat, so weiß ich nicht, wann dieselben hier eintreffen und bis dann meine hier habenden Papiere mit denen, die direkt an das Konsulat gehen sich dort wieder zusammenfinden, geht bei dem jetzigen Betrieb dort eventuell 4 bis 8 Wochen Zeit verloren. Dies wirkt sich nachträglich auch für den Termin der Passage aus, da ich keine Passage eher bekomme, als hier die Papiere vom Konsulat für ausreichend bezeichnet werden.
Erkläre dies bitte Mr. Hill, wenn Du kannst. Ich habe nach den Wahrnehmungen bei vielen Bekannten alle diese Möglichkeiten erwogen und nur deshalb gebeten mir alles im Original zu senden, denn ich habe kein Interesse sonst irgendwelche Einsicht in die Papiere zu bekommen.
Es ist mit der ganzen Sache jetzt sehr eilig, dies kannst Du mir glauben, ich weiß auch Du wirst alles tun, was in Deinen Kräften steht. Heute ging, es ist originell, auch der bis jetzt fehlende Brief von Dir Nr.63 vom 23.5.40 ein, dieser hat also genau ein Jahr gebraucht bis er in meinen Besitz kam.
Nun lebe wohl bleibe gesund, und sei herzlichst gegrüßt und geküsst,
Dein Vatel.
Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mein lieber Junge!
Auch ich freue mich sehr mit Deinem lieben Brief, dass Du gesund bist und alles all right ist. Am 18.5., zum Muttertag, musste ich so recht an die Zeiten denken, wie Ihr, Susel und Du, noch klein ward und mich an dem Tage mit Geschenken erfreutet, schön war’s doch! Ist Fanny Amerikanerin? Ich gönne es Dir von Herzen, dass Du Dich amüsierst und so eine Entspannung nach schwerer Arbeit hast. Wie hat sich die Leipziger Dame, die Mutter Deines Freundes, dort eingerichtet? Ich bin jetzt dabei mir meine Zähne in Ordnung bringen zu lassen. Neulich ließ ich mir drei ziehen ohne Betäubung. Hoffentlich schreibt Dir Susel bald wieder einmal. Am 22/5 hat Alfred Geburtstag und wir sind an dem Tage bei Onkel Adolf. Am 15/5 hatte Gerhard Geburtstag also gibt’s in der Familie mehrere Maikäfer. Hier sind die Eisheiligen vorbei und wir haben nun schönes, warmes Wetter. Hast Du immer noch einen Schnurrbart? In dem Brief von 1940, schreibst Du nämlich, dass Goldy es damals gewünscht hatte. Ich lerne weiter fleißig american english, jetzt sprechen wir sehr viel in der Stunde, um in der Redewendung flüssig zu werden. Scheins und Lubras schrieben uns neulich, auch sehen wir Plockis manchmal. Lubras erwarten auch ihre neuen Papiere von Mr. Scharten und wollen dann auch beginnen, von Dresden aus ist nur alles viel schwieriger. Richard Stein gibt Vorstellungen als Zauberkünstler, er hat einen fabelhaft dressierten Hund, der auch mit auftritt.
Ich grüße und küsse Dich herzlichst und in inniger Liebe, alles, alles Gute
Deine Muttel