Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mr. Henry W. Wald 311 North 18th Street Lincoln – Nebraska
Nr. 110
2.6.41
Mein lieber Junge!
Wir haben inzwischen Deinen Brief 109 vom 14.5. erhalten, der diesmal in 15 Tagen hier war, also sehr schnell. Ich ersehe aus demselben, dass Du zwar meinen Brief 104, nicht aber 103 bestätigst. Trotz falscher Adresse hat Onkel Adolf Deinen Brief ebenso schnell erhalten. Dr. Theodor hat mir noch nicht geantwortet. Es freut uns sehr, dass Du nun mit Suse in besserer Korrespondenz stehst. Onkel Adolf ziehen jetzt in eine Pension nach W. 15 Konstanzerstr. 7 III, Lina geht nach Hause. Du wirst Dir noch eine Registratur für Deine verschiedenen Flammen anlegen müssen, damit Du die diversen Verabredungen nicht verwechselst. Wem kommst Du in dieser Beziehung eigentlich nach, ich glaube Deinem Onkel Lothar. Die Großröhrsdorfer Zeitung hat heute ihr Erscheinen eingestellt und ist auf die Kamenzer übergegangen, die wir vorläufig lesen. Es gibt dort nicht viel Neues, das uns interessiert, wir schreiben Dir immer, wenn etwas ist, was Dich interessieren könnte. Nun komme ich nochmals auf die Papiere zurück. In Deinen letzten Briefen erwähnst Du nichts von dem Affidavit deines Chefs. Das beunruhigt mich etwas, ist da irgendetwas nicht in Ordnung? Wir haben nun Juni und die Papiere sind noch nicht vollzählig, auch das Depot ist nötig. Ich bitte Dich nun alles zu beschleunigen und kann Dir immer nur wiederholen, dass ich nicht die Absicht habe Dich zu drängen, aber die Angelegenheit ist jetzt wirklich dringend. Unten gebe ich Dir die Adresse von Ernst. Ich halte es für ratsam, dass Du ihm und Oskar gelegentlich Deine Adresse und vor allen Dingen Deinen Namen mitteilst. An Horst habe ich heute geschrieben, hast Du von ihm wieder etwas gehört? Der Brief ist heute mit dem Rest der neuen Kameradschaftsmarken frankiert, Werte 12, 8, 6, hoffentlich bekommst Du alle 6 Werte fehlerfrei. Für heute nun genug, ich grüße und küsse Dich herzlichst,
in Liebe, Dein Vatel.
Ernesto Schönwald Belgrano Gabrildo 1747 Buenos-Aires, Argentinien.
Soeben antwortet mir Dr. Theodor, dass er sich mit Deinem Brief sehr gefreut hat und Dir in Kürze direkt antworten wird. Heute erfuhr ich wieder einen Fall, den das Konsulat bei Elternanforderung ablehnte, mangels Bürgschaft. Es wird jetzt fast immer ein Depot von $1000 pro Person verlangt, daher Lothars Depot für uns eventuell wie bei Dir zur Zeit entscheidend. Bei Ablehnung wegen Depot entstehen für Neuerteilungen des Visums unabsehbare Schwierigkeiten.
Mein guter Junge!
Recht gefreut habe ich mich, dass Du den 12/5 so nett verlebt hast und durch Deine Freunde einen netten birthday hattest. Deinen Brief an Dr. Theodor haben wir erst im Zirkel eifrig durchgenommen und sehr viel daraus gelernt. Meine Lehrerin war sehr interessiert an den Idioms, ich habe ja leider ein sehr schlechtes Gedächtnis, aber meine Kenntnisse von früher kommen mir nun doch sehr zu Hilfe und die Hauptsache, weiß ich doch. Es ist bewundernswert wie Marga Dir die Treue hält, seit so vielen Jahren. Plockis sollen wieder abgelehnt worden sein, hörten wir, was uns sehr leid tut. Wir haben nun unsern schönen Balkon und genießen die gute, warme Luft. Aus Deinem Brief an den Doc. ersah ich, dass Du immer noch fleißig lernst, fällt es Dir immer noch so leicht wie früher. Ich finde Dein American fabelhaft.
Innige Grüße und Küsse,
herzlichst,
Deine Muttel.