Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mr. Henry W. Wald 311 North 18th Street Lincoln–Nebraska
Nr. 111
10.6.41
Mein lieber Heinz!
Heute erhielten wir Deinen Brief 109 mit Einlage für Herta und Martin Lachmann. Wenn ich mich in der Nummerierung geirrt haben sollte, so muss ich feststellen, welcher Brief Dir wirklich fehlt, da ich mir über den Inhalt usw. immer Notizen mache. Also 103 vom 8.4. enthielt nichts besonderes, 105 vom 22.4. dagegen die Bestätigung der zweiten eingegangenen Papiere von Dir und gleichzeitig Anfragen über eventuell mitzunehmende Sachen, bei denen wir im Zweifel sind, ob solche dort gebraucht werden. Mich interessiert auch, ob die besonderen Marken immer unversehrt ankommen, bzw. auf den Briefen sind.
My dear Herta war ja über die Anrede sehr erstaunt und meinte, dass Du diese Frechheit von Deinem Vater hättest, da Muttel in jeder Beziehung solid ist, aber sie hat sich sehr mit Deinem Brief gefreut, er ist für sie lehrreich und Du bekommst in Kürze Antwort. Über Deine Gehaltszulage habe ich mich sehr gefreut, hoffentlich hast Du es richtig gemacht mit dem Reiseposten. Auf der Reise ist immer mehr zu verdienen, außerdem halte ich Deine Branche für sehr gut, denn hier wird in dieser Branche viel Geld verdient. Gib mir also über den weiteren Verlauf dieser Angelegenheit Nachricht. Die Depotsache mit Lothar werde ich natürlich Onkel Adolf nicht erzählen, obgleich Adolf in meiner Sache mit ihm ganz meiner Meinung ist, wenn Lothar Dir von ihm etwas anderes geschrieben hat, so ist das nur seine Fantasie. Jedenfalls ärgere ich mich, dass Dir die Sache durch seinen starren Kopf 50 Dollar Kosten verursacht hat, wenn auch, wie ich Dir ja schrieb die Sache für uns sehr wichtig ist. Ich hoffe, dass wenn ich erst einmal alles von Dir in den Händen habe, die Angelegenheit beim hiesigen amerikanischen Konsulat auf den ersten Hieb in Ordnung gehen wird. Glaube mir, dass meine Bitten an Dich in dieser Beziehung nicht etwa nur Einbildungen von mir sind, sondern die vielen Erfahrungen bei Bekannten, die alle in der einen oder anderen Weise, durch nicht vollständige Papiere und teils durch den zerrissenen Eingang der Papiere Schiffbruch erlitten haben, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass man nur Aussicht auf schnelleren Erfolg hat, wenn alle Unterlagen von einer Hand zusammen eingereicht werden. My dear Hertha findet meine Handschrift in englisch durchaus leserlich, ich schreibe ja im allgemeinen auch nicht undeutlich, gib mir doch einen Tipp, wie ich besser leserlich schreiben soll. Nun habe ich Dir wohl alles mitgeteilt und grüße und küsse Dich für heute,
in Liebe, Dein Vatel.
Onkel Hugo ist krank, erkundige Dich nach seinem Befinden.
Mein guter Junge!
Mit Deinem lieben Brief habe ich mich sehr, sehr gefreut. Du hast sicher recht getan noch abzuwarten mit dem Reiseposten bis Du siehst wie der Hase läuft und wie ich Dich kenne wirst Du gut aufpassen. Hedwig und Martin sind trostlos über den Verlust ihres Kindes und der arme Willy, der sehr an Hilde hing und sehr glücklich mit ihr gelebt hat, ist sehr, sehr unglücklich, Du sagst wohl Susel davon. Tante Hanna ist vorübergehend bei Lachmanns, da Lina weg ist, hat Tante Emma nun die große Wohnung allein und die Tante H. unterstützt sie und so sind wir beiden alten Leuten allein. Wir haben ja 2x die Woche eine Bedienung und unsere 2 Zimmer, das schaffe ich schon. Wir hörten Hans G. will ein größeres Haus kaufen und seine Eltern zu sich nehmen, damit die Tante keine Arbeit mehr hat, jedenfalls sehr hübsch von ihm.
Ich grüße und küsse Dich vielmals, bleib gesund, in inniger Liebe, alles, alles Gute,
Deine Dir gute Muttel.