Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mr. Henry W. Wald 311 North 18th. street Lincoln–Nebraska
Nr. 114
16.7.41
Mein lieber Junge!
Wir waren sehr erfreut in den letzten Tagen 2 Briefe von Dir zu erhalten und zwar 110 (kam zweimal diese Nummer) und 111, woraus wir ersehen konnten, dass Du die Operation gut überstanden hast. Hoffentlich sind auch keine Nachwehen entstanden. Von Suse und Alfred bekamen wir über Rotes Kreuz vom 10.2. Nachricht, worin sie auch schreiben, dass Du ihnen nicht schreibst. Nun hat sich unsere Auswanderungssache grundlegend geändert, nachdem die Konsulate geschlossen worden sind. Was eigentlich nun zu tun ist, darüber ist zur Zeit eine richtige Auskunft nicht zu erlangen, es wird ganz verschieden erzählt. Einmal sollen Elternanforderungen trotzdem, aber von Washington aus möglich sein, ob dies stimmt kann ich von hier aus nicht feststellen. Ich wohne hier im Hause mit einer Frau Aschheim zusammen, deren Tochter in Chicago verheiratet ist und die dort einen sehr gutgehenden Candy-store haben und in allen Auswanderungsangelegenheiten sehr gut Bescheid wissen, da sie ja die Mutter herüber haben wollen und alles so ziemlich fertig haben. Frau A. gab mir ihre Adresse und sagte, Du möchtest Dich unter Berufung auf sie und unsere Freundschaft sofort an sie wenden, sie wird Dir bereitwilligst alle gangbaren Wege mitteilen, da ich ihrer Mutter in allen Sachen auch gefällig bin. Also schreibe ausführlich an Frau Lotte Goldsmith geb. Aschheim, ihre Adresse ist Firma Lottacandy, 5503 Hyde Park Blvd, Chicago, Illinois. Von Dir fehlt noch Form 575 aus Washington, dies betrifft die Bestätigung Deiner legalen Einwanderung. In jedem Falle ist mir von einem Herrn des hiesigen amerikanischen Konsulats geraten worden, trotz aller zur Zeit eingetretenen Schwierigkeiten mir von Dir alle Papiere nach hier senden zu lassen, damit ich alles komplett in der Hand habe und nichts irgendwo anders liegt. Der einzig gangbare Weg zur baldigen Auswanderung ist zur Zeit über Cuba, aber dies scheitert ja an dem sehr hohen Depot dort. Frau Clara Gossmann ist heute nach Cuba abgefahren. Alfred hat das Depot gestellt, wie er es gemacht hat, weiß ich nicht. Soeben ist Frau Aschheim bei mir und bittet Dich ihrer Tochter auch mitzuteilen, dass Du früher Schönwald geheißen und ihre Tochter ist früher sehr mit Ernst Schönwald befreundet gewesen. Frau A. versichert mir, dass ihre Tochter auch gern einige Wege in dieser Angelegenheit in Chicago erledigen wird, da sie ja dort den Hilfsverein zur Verfügung hat, der alle diese Angelegenheiten erledigt. Ich bin nun begierig zu hören, was Du erreichen wirst und erwarte baldigst Nachricht, denn Du kannst Dir ja denken, dass uns diese Sache sehr am Herzen liegt. Frau Aschheim erhielt heute Brief von ihrer Tochter, dass tatsächlich Anforderungen von Eltern über W. möglich sind, sofern Eltern hier allein dastehen und dies ist ja bei uns der Fall.
Bleibe recht gesund und sei herzlichst gegrüßt und geküsst,
Dein Vatel
Mein lieber Junge!
Ich bin sehr glücklich, dass Du Deine Operation so gut überstanden hast, jedenfalls bist Du nun sicher, dass Du keine Mandelentzündung oder ähnliche Beschwerden zu befürchten hast und dass ist ja auch sehr wichtig. Uns geht es gut, wir hatten eine sehr große Hitze täglich über 30 Grad im Schatten und ich habe bei der Arbeit viel Schweiß gelassen. Ich freue mich sehr, dass Du so guten Anschluss an Jennie gefunden hast, hat sie noch ihre Eltern?
Hoffentlich hast Du den Rest Deiner Ferien noch nett verlebt.
Ich grüße Dich recht herzlich, bleib weiter gesund und sei innigst gegrüßt und geküsst,
von Deiner Dir guten Muttel.