Curt Schönwald
Berlin-Schöneberg
Kolonnenstraße 10/11
Mr. Henry W. Wald 311 North 18th. street Lincoln–Nebraska
Nr. 115
29.7.41
Mein lieber Junge!
Wir waren sehr beunruhigt über das lange Ausbleiben Deiner Nachricht und bekamen gestern Deinen traurigen Brief vom 7.8. ohne Nummer. Wenn Dir einmal etwas fehl geht, so kenne ich ja Deine Stimmung und Verzweiflung, aber ich bitte Dich trotz alledem den Kopf nicht zu verlieren. Gestern hatte Muttel Geburtstag, und wir haben viel an Dich gedacht. Wir haben alle in bester Harmonie den Tag angenehm verbracht. Die Papiere sandte ich in einem gesonderten Brief per Einschreiben, Rückschein, Luftpost ab. Die Duplikate folgen, ich habe von allen Fotokopien. Ich erwarte gern die Ausführungsbestimmungen betreffend die Wanderung von dort, besonders interessiert mich, ob der Begriff nahe Verwandte noch genau festgelegt wird. Hanna ist in diesem Sinne nicht zu erwähnen. Fortziehen von uns kann sie nicht, da hierzu eine Genehmigung nötig ist, die nicht erteilt wird. Außerdem kann sie und Lachmanns versichern, dass sie ihre Wanderung nach Süd-Afrika zu ihren Kindern, bzw. Bruder betreibt und sobald dies möglich ist dorthin wollen. Soweit es hier möglich ist erkundige ich mich in der Angelegenheit hier dauernd und füge Dir auch ein Blatt der neuesten Richtlinien des Hilfsvereins bei, die ich heute bekam. Wenn Du guten Kontakt mit Frau Goldsmith halten kannst, so wird dies von Nutzen für Dich sein, denn sie ist immer gut informiert. Zur Zeit ist ein Transfer für die Schiffskarten von hier aus noch möglich. Ich habe auch erfahren, dass man eventuell auf Transitvisum über Cuba kommen kann, dies soll wesentlich billiger sein als das normal kostet, d.h. bezüglich des Depots, bitte erkundige Dich auch hierüber bei Frau Goldsmith, eventuell auch bei Alfred G. Im übrigen soll, wenn man von hier aus nicht mehr die Fahrkarten zahlen könnte und Du nicht in der Lage bist, der Joint jetzt einspringen. Dies wurde mir hier gesagt, ich weiß nicht, was daran wahr ist. Du kannst versichert sein, dass ich Dir wegen des ersten Fehlschlags in der Wanderung keinen Vorwurf mache, da ich genau weiß und unbedingt davon überzeugt bin, dass Du alles, was möglich war, getan hast und deshalb bitte ich Dich den Kopf hochzuhalten. Was nicht im Bereich der Möglichkeit liegt, kann man eben nicht machen. Es wäre ja sehr schön, wenn wir trotzdem in absehbarer Zeit bei Dir sein könnten und wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Jedenfalls werde ich Dir immer sofort berichten, wenn ich etwas erfahre. Ich glaube aber, dass Du dort mehr Zuverlässiges erfahren wirst und bitte Dich doch immer, wenn auch wenig, regelmäßig zu schreiben. In diesem Sinne, mein lieber, guter Junge küsse und grüße ich Dich von Herzen,
in Liebe,
Dein Vatel.
Mein lieber, guter Junge!
Es tut mir so leid, dass Du Dir Sorgen machst und so traurig bist. Vielleicht ist es zum Guten, dass die anderen Papiere noch nicht abgesandt sind und sind nun mit den ersten in Washington.
Mein guter Junge, wie kannst Du nur auf den Gedanken kommen, wir könnten Dich für einen schlechten Sohn halten. Im Gegenteil, wir sind immer sehr glücklich und stolz, welche Liebe Du uns zeigst und was Du alles getan hättest, stände das in Deiner Macht. Lothar beschwert sich bei Onkel Adolf, dass Du ihm gar nicht mehr schreibst. Robert Plocki erteilt Spanischunterricht, dass machte mir Spaß. Nur einen Wunsch habe ich, dass Du uns jede Woche schreibst und wenn es auch nur ein paar Zeilen sind, aber es beruhigt uns so ungemein, Dich gesund zu wissen. Willi Messaw schreibt ganz verzweifelt, seine Hilde fehlt ihm auf Schritt und Tritt, er ist wirklich traurig.
Alles Gute, mein lieber Junge, bleib gesund, ich grüße und küsse Dich innigst,
in herzlicher Liebe,
Deine Muttel.